Die Mongolei ist ein Land, wo man ohne Hintergedanken durch die Steppe spaziert und dann einen alten Huf findet. An dem ist nichts mehr dran, nur die leere Schale aus Horn liegt da im Sand, und dann schaut man sich um und fragt sich, wo sind wohl Pferd und Reiter zu diesem leeren Huf geblieben? Ist dies die letzte Spur eines Mongolenkriegers? Das Ende eines harten Winters? Waren es die Wölfe? Und kaute das Pferd noch ein letztes Büschel Thymian, bevor es fiel? Stundenlang überlegt man hin und her, bis man schließlich gar nichts mehr denkt, und am Ende ist da nur noch dieses grandiose Land, in dem es fast so viele Pferde gibt wie Menschen, offene Türen statt Zäune und auch sonst unendlich viel zu finden. Vor 800 Jahren gründete Dschingis Kahn die Mongolei. Heute ist sie das am dünnsten besiedelte Land der Welt.

Solche Sachen überlege ich, da raunt es heiser hinter meiner Liege: »Isch hab Zuch!« Das sind die Giselas. Sie heißen so, weil sich keiner in unserer Gruppe merken kann, welche der beiden Freundinnen wirklich Gisela heißt und welche anders. Mit einem Schlag bin ich wieder im Jetzt und schiebe eilig mein Fenster zu, denn die Giselas sollen sich nicht erkälten, nur weil ich frische Luft brauche. Dass man so besinnlich wird wie ich gerade, das geht schnell in der Mongolei. Wie schön, dann Leute zu haben, die einen zurück auf den Boden der Tatsachen holen. Dafür bin ich den Giselas aus dem Rheinischen auch dankbar. Also driftet mein Geist zurück in diesen großen roten Lkw, der zu einem Bus für Gruppenreisen umgebaut wurde und für drei Wochen und mehrere tausend Kilometer mein Zuhause ist. Sie nennen ihn Rotel – das rollende Hotel.

Hotel, das kann man ja unterschiedlich interpretieren. Der eine denkt an den persönlichen Butler, an superbequeme Kingsize-Betten und Ayurveda-Seife im Bad. Andere stellen tollen Ausblick und hervorragende Lage in den Fokus und die Möglichkeit, unabhängig vom Wetter im Freien speisen zu können. Zu den extremen Anhängern dieser Richtung zählen sicher meine Mitreisenden. Unser Hotel hat vorn im Lkw 20 Sitzplätze – sozusagen den Lounge-Bereich für den Tag. Und wenn wir abends die hinteren Klappen öffnen, liegen da quer die Schlafkabinen. In sieben Reihen je drei übereinander, das macht grob einen drei viertel Meter mal einen drei viertel Meter Kuschelzone für jeden bei etwa zwei Meter Länge, ausreichend bequem gepolstert, mit roten Vorhängen vor den kleinen Fenstern.

Dieser Anblick und die Vorstellung, so eng mit so vielen, das kann beim ersten Mal Beklemmung auslösen. Andererseits ist die Mongolei ein Land, so weit, dass einem leicht schwindelig wird, ein Land, das einen hinauszieht in seine welligen Hügel und fließenden Täler, und da ist die klare Umgrenztheit der Schlafkabinen ein guter Gegensatz, um das innere Gleichgewicht wiederzufinden. Davon abgesehen, ist außer mir niemand zum ersten Mal dabei.

Gertrud etwa, auf der anderen Seite des Ganges, steht kurz vor ihrer fünfzigsten Tour mit diesen großen roten Lkw. Ihr Credo lautet: »Das gibt es nicht, was ich noch nicht gesehen habe.« Und munkelt von einer Dame, die schon einhundertmal mit dem Unternehmen Rotel Tours in die Ferien gefahren sein soll. Um das zu schaffen, muss man schon ziemlich alt werden. Ich, keine vierzig Jahre alt, bin das Küken der Veranstaltung. Da sind noch Stefan und Frauke, beide in den frühen Vierzigern, danach geht es steil aufwärts.

Mit Erfrischungstüchern in die Wüste

In den ersten Tagen lernen wir uns kennen. Dazu könnten wir Fotos herumreichen, über unsere Hobbys plaudern oder uns beim Eincremen mit Sonnenlotion beobachten. Unter uns Rotelianern geht es dagegen gleich zum Kern: Wer ist wann schon wo gewesen? Hilde trägt ein T-Shirt mit Bergsilhouette. Die erkennt Gertrud sofort: »Wann hast du denn die Seidenstraße gemacht, hör mal?« Die hat Hilde in dem Jahr gemacht, in dem sie auch die Sahara und später noch Südamerika gemacht hat. Oder war es das Jahr, in dem sie nur noch Indien gemacht hat? Sie ist nicht sicher. Aus der Rückenlehne ihrer Vorderfrau – unter vierzehn Reisenden sind wir nur drei Männer – ragt eine klappbare Auflage. Wie alle in meiner Crew hat Hilde darauf mit mitgebrachten Gummibändern Brillenetui, Kugelschreiber und Notizbuch befestigt und schlägt nach, wann das war, als sie die Seidenstraße gemacht hat.

Ich bin restlos beeindruckt von dieser Professionalität. Klaus zum Beispiel, der dritte Mann hier hinten, hat sich am Tag vor dem Herflug extra einen speziellen leeren Karton bei Aldi besorgt. Klaus hat über ein Dutzend Reisen im rollenden Hotel hinter sich, er hat Venezuela gemacht, »als es noch richtig strapaziös war«, und daher weiß Klaus: So perfekt wie der Karton für Mettwurst im Glas, nun gefüllt mit Whiskey (»Zum Desinfizieren!«), After Eight und Cola, Feuchttüchern, Gesichtscreme, Handsalbe, Sonnenmilch und anderen Pflegemitteln, passt sonst nichts unter den Sitz. Damit hat Klaus alles im Griff und kann sich in festen zeitlichen Abständen frisch machen. Das braucht er, sagt er, und wir bewundern ihn für seine Hingabe, wenn er sich mit Feuchttüchern abreibt, die Augen schließt, mit sanft kreisenden Bewegungen Creme auf seine Ohren, seine Bäckchen, seine Arme und schließlich seine Hände verteilt und dabei tatsächlich keinen Quadratzentimeter vergisst.

Regelmäßigkeit ist wichtig bei dieser Art des Reisens, sonst geht schnell alle Ordnung flöten. Morgens etwa, da ist um sieben, nur ausnahmsweise um acht Uhr Frühstück. Denn wir wollen ja möglichst viel vom Land sehen, erst von Ulan-Bator nach Westen, dann hinunter in die Gobi, Sonne tanken und Kamel reiten, und weiter östlich bei dem Große-Erdsteine-Nationalpark wieder hoch. Deshalb dieses geländegängige Fahrzeug. Das kommt wirklich fast überall hin. Nur nicht auf Straßen, denn davon gibt es nur wenige in der Mongolei, und an die spannendsten Orte führen wie immer im Leben ohnehin bestenfalls Pisten, manchmal aber auch nur Intuition und Orientierungssinn unserer Piloten.

Einen Fahrer könnte man Erwin natürlich auch schlicht nennen, damit wäre aber nur ein Teil seines Jobs umschrieben, den er mit bajuwarischer Unerschütterlichkeit ausübt, nur in äußersten Stresssituationen halbernst grantelnd. Am liebsten sitzt er in seinem Küchenkabuff, Blick in die untergehende Sonne, tiefer Zug an der Zigarette, und erzählt Döntjes von unterwegs. Für die drei Wochen unserer Mongolei-Runde ist Erwin auch unsere Mutti, denn abends kocht er für uns, und morgens macht er Frühstück. Nur mittags sorgt jeder für sich selbst. Außerdem ist Erwin unser bester Freund, denn er besitzt den einzigen Kühlschrank an Bord. Den hat er mit original mongolischem, deutsch gebrautem Chinggis Khan-Beer beladen. Und was kann es Schöneres geben, als spätestens abends, am liebsten schon mittags abseits des Busses auf einem Felsen zu sitzen, auf das braune und grüne, graue und gelbe Land zu schauen, pfeifende Adler in der Luft, und mit dieser Dose eiskalten Glücks auch das Herz weit zu öffnen und dort eine Riesenladung Mongolei, eine große Portion Kraft und Ruhe hineinzulassen?

Früher oder später essen die Mongolen ihre Tiere – alle

Mächtig wie das Bier sind die Speisen. Das Angebot in der Mongolei hat seine ganz eigenen Reize. Dazu kann ich mitteilen, dass die Mongolen deutlich über 20 Millionen Rinder, Schafe, Ziegen, Pferde und Kamele auf einer Fläche halten, die mehr als viermal so groß wie Deutschland ist. Umgerechnet auf die Bevölkerungszahl von etwa 2,3 Millionen bedeutet das, dass jeder Einwohner im Durchschnitt für zehn Tiere die Verantwortung trägt.

Die gute Nachricht ist, die Mongolen stellen 20 Prozent der weltweiten Kaschmirproduktion. Sie machen tolle Sachen aus Kamelwolle. Mongolische Schafwollschals sind besonders weich. Ich sah einen Gürtel aus Pferdehaar – wunderbare Flechtarbeit. Der andere Teil der Wahrheit ist der: Nicht nur Felle werden hier geschoren. Früher oder später essen die Mongolen ihre Tiere. Alle. Dazu den frei lebenden Rest, der sich draußen zu verstecken versucht. Murmeltiere, Hamster, Hasen. Ein Vegetarier in der Mongolei führt ein entsagungsvolles Dasein, trostloser geht es nicht. Doch auch ich als Fleischfresser stoße schnell an meine Grenzen. Komme ich mir zu Hause vor wie der wilde Mann aus den Bergen, weil ich mein Steak medium brate und manchmal Schinken nasche, brauche ich hier nur ein paar Tage, um von Möhren und Salatblättern zu träumen. Was mich gebrochen hat?

Meine ökotrophologische Katastrophe erlebe ich an einem der ersten Abende in Kharakhorum. Hinter uns ein wunderschöner Tag, wir hatten einen besonders großen Ovoo besucht. Das sind heilige Plätze, und wenn man Glück und Schutz und den Segen der Götter sucht, umrundet man diesen Fleck dreimal im Uhrzeigersinn und wirft bei jeder Runde einen Stein auf den Haufen, legt einen schön geformten Ast dazu, knotet einen blauen Opferschal daran oder verspritzt einige Tropfen Wodka. Manche Ovoos sind mehrere Meter hoch, und es liegen Keilriemen darauf und Krücken, die jemand nicht mehr brauchte und darum anderen überließ.

Nach diesem Opfergang fahren wir aufgekratzt weiter nach Kharakhorum. Kharakhorum, das war einmal die Hauptstadt der Mongolen. Vierzig Jahre nur, und später, strategisch längst uninteressant, wurde sie als Rache schlechter Verlierer von Mandschu-Truppen zerstört. Aus der Stadt wurde ein vergessenes Dorf, aus ihren Trümmern die Klosteranlage Erdene Zuu.

Um solche Sachen zu wissen, müssen wir nicht einmal selbst lesen. Dazu haben wir Martin, unseren Reiseleiter. Wenn Erwin die Mutter der Tour ist, ist Martin der Vater. Kummer, Sorgen, Nöte – er ist unser Mann. Zählt man Martins und Erwins Mongolei-Besuche zusammen, so stellt sich heraus, dass sie häufiger in der Steppe waren als ich in den neuen Bundesländern. Entsprechend groß ist ihr Wissen. Martin gibt es in verdaulichen Portionen an uns weiter. Das sieht dann so aus, dass wir mittags Siesta machen und, behaglich dösend, durch die Landschaft rumpeln, weil wir wissen, die beiden da vorn im Führerhaus bringen uns heil über Pässe und Pisten.

Nach exakt einer Stunde räuspert Martin sich durch das Bordmikrofon: Zeit für den Nachmittagsvortrag. Nach und nach hören wir von Uiguren und Burjaten, Fürsten und Kommunisten, vom Leben in Ulan-Bator heute und in China vor tausend Jahren, von Buddhisten und Schamanen und immer wieder natürlich von Temujin, wie Dschingis Khan hieß, als er noch ein zorniger junger Mann war. Noch heute sind die Mongolen sehr stolz auf ihren Staatsgründer und nennen Bier und Wodka, Flughäfen und Hotels nach ihm.

Bei diesem einschneidenden Esserlebnis in Kharakhorum, das heute Kharkhorin heißt, sitzt er als Statue auf einem Thron im Restaurant, das wie eine Palastjurte ausstaffiert ist. Ich schaue auf den Teller und bin gerührt. Da liegen Kartoffelecken in der Soße. Wo Kartoffeln doch so selten sind in der Mongolei. Auch kleine Stückchen Hammelfleisch sehe ich. Macht einen tollen Eindruck. Dann wird klar, das sind tatsächlich kleine Stückchen Hammel. Aber das da dran, das sind keine Kartoffelecken: Das sind Fettklumpen, dicke, gelbliche Fettklumpen. Ich blicke mich um. Meine Mitreisenden gucken so entsetzt wie ich, Dschingis Khan bleibt streng und ungerührt, denn Mongolen erschüttert nichts.

Noch beeindruckender als sein Vorbild, das mir beim Übewinden meiner Enttäuschung hilft, finde ich Enkhe. Das ist später im Zelt. Ich habe sie zuerst gar nicht richtig gesehen, und dann steht sie im fahlen Licht der Jurte, die die Mongolen Ger nennen, steht da im traditionellen Gewand und singt. Singt ein Lied über das Mondlicht, das sich im Bach unten im Tal spiegelt und in dem sie die Haare wäscht, und der Bach trägt das Mondlichthaarwaschwasser fort zu ihrem Liebsten, der weit weg wohnt.

Dazu streicht sie die Geige mit den beiden Saiten und dem geschnitzten Pferdekopf aus Holz, der am Halsende befestigt ist. Wunderschön, diese kehlige Sprache, in der es Chara-chorum heißt und En–che, mit ganz weichem, vollen Ch. Ehrlich, wie kann ich den Mongolen da noch böse sein für ihre fetten Hammel und speckigen Kühe, für euterlaue Kamelmilch mit Brocken und den tranigen Yakrahm?

Ich freue mich lieber über diese anmutigen Enkhes und Tschimges, über Männer, die Bolto heißen und Bayaar und Ogo, die, o-beinig vom Reiten, beisammenstehen, leise raunen und tief und unbekümmert und selbstverständlich in sich hineinlachen. Bolto ist übrigens der Mann, der mir das mit den Pferdehufen erklärt hat. Mit ihm verständigt man sich leicht, er lebte eine Weile in Deutschland, aber dauerhaft konnte er Magdeburg nicht ertragen. »Pferd kaputt, nimmst neues Pferd!«, hat er gesagt.

INFORMATION

Anreise: Zum Beispiel Mongolian Airline, ab Berlin-Tegel über Moskau nach Ulan-Bator

Hotel: Marco Polo Hotel in Ulan-Bator, Erhuugiin Gudamj 2b; Tel. 00976-11310783, Fax: 00976-11311273; Preise 40/55 US-Dollar: freundlich und sauber im mittleren Preissegment, zentrumsnah

Veranstalter: Rotel Tours (Tel. 08504/4040, www.rotel.de ) bietet eine 22-tägige Expeditionsreise quer durch die Mongolei an. Flüge, Halbpension und Eintritt für zahlreiche Veranstaltungen kosten ab 2930 Euro.

Währung: ist der Tugrik. Für nur einen Euro gibt es etwa 1400 davon, in bildhübschen Scheinchen mit Pferden und Khanen drauf. Dollar in kleinen Scheinen funktioniert meistens auch, Euro und Travellerschecks sind schwieriger

Literatur: Amélie Schenk/Galsan Tschinag: »Im Land der zornigen Winde«. Verlag Im Waldgut, Frauenfeld/Schweiz, Neuausgabe Oktober 2006; 240 S., 32,– €

Michael Kohn: »Mongolia«. Lonely Planet Publications, Hawthorn/Australien, 4. Aufl. 2005; 296 S., 22,45 €

Fred Forkert: »Mongolei«. Reise Know-How Verlag Rump, Bielefeld, 5. Aufl. 2005; 408 Seiten, 22,50 €

Auskunft: Tourism Department, Ulan-Bator, Tel. 00976-11318493, www.mongoliatourism.gov.mn ,
Botschaft der Mongolei, Tel. 030/47480613, www.botschaft-mongolei.de