An der Whale Gulch School, einer Grundschule im kalifornischen Mendocino, herrscht eines Morgens im Jahr 1993 im Biologieunterricht ein überraschend neuer Ton. Anstatt brav über Blümchen und Käferchen zu reden, suchen die Kinder nach allen möglichen Namen für Fäkalien, vom kindlichen poop, dem bäuerlichen cow pie bis zur wissenschaftlich korrekten excreta. Als Buchführerin des Unappetitlichen steht an der Wandtafel die Lehrerin Sylvia Branzei. Hinter jedem neuen Wort notiert sie, wo es gebraucht wird, etwa scat bei Wildtieren wie Kojote und Wolf, manure auf der Farm, guano bei Seevögeln. Sylvia Branzeis erstes Lehrbuch über »Grossology« - Ekelkunde BILD

Ihr Lehrbuch hat sich weltweit mehr als 350000 mal verkauft

Branzei erzählt den Kindern, wie der Kot von Milliarden Lebewesen neues pflanzliches Wachstum ermöglicht. Für Mistkäfer ist Dung ein Leckerbissen, dient aber auch als Kinderstube für die Brut. Anhand des Kots kann der Fährtenleser sagen, ob er hinter einem Fuchs, einem Dachs oder einem Reh her ist. Frau Lehrerin verschweigt ihren Schützlingen auch nicht, dass im Kot Bandwurmeier und andere krankmachende Zutaten sein können, weshalb gelegentliches Händewaschen kein Luxus sei. Zur Gaudi gibts am Schluss noch ein Rezept, wie man aus Mehl, Margarine, Zucker, Kakaopulver, Getreideflocken und grüner Lebensmittelfarbe täuschend ähnliche »Hundskegel« backen und damit die liebe Familie schockieren kann.

»Beim Zehennägelschneiden zu Hause wunderte ich mich, was das schwarze Zeug unter den Rändern wohl sei. Plötzlich hatte ich die Idee, solche unappetitlichen Dinge könnten doch auch meine Schüler interessieren«, schildert Branzei in einem Interview im Wissenschaftsmagazin New Scientist die Geburt von Grossology, der Ekelkunde, wie sie seither ihr eigenwilliges Schulfach nennt.

Der Test an Zwölfjährigen war ein durchschlagender Erfolg. »Kündigte ich früher im Biologieunterricht als Thema das Ausscheidungssystem an, blickte die Klasse eher müde drein. Als ich nun aber die Frage stellte: Wollt ihr etwas Lernen über Spucken, Rülpsen, Pinkeln und Furzen, da flogen alle Hände in die Höhe«, erinnert sie sich.

Im Herbst 1995 publizierte Sylvia Branzei mit Grossology, the Science of Really Gross Things ihr erstes Schulbuch. Die von Jack Keely mit witzig unappetitlichen Zeichnungen illustrierte Provokation schlug wie eine Bombe ein. Innerhalb weniger Wochen waren alle 25000 Exemplare weg. Mittlerweile sind über 350000 Bücher verkauft, heute gibt es den Bestseller auch auf Spanisch, Französisch, Bulgarisch, Japanisch und Koreanisch. Das Buch sei zwar unterhaltend, bringe aber kaum echte Wissenschaft, kritisierten amerikanische Fachpädagogen das freche Lehrmittel. Die Lehrerschaft an der Front erkannte indes sehr wohl die fachliche Relevanz im munteren Werk.

So bietet das Thema Pinkeln neben einigem Slang eine Fülle seriöser Wissenschaft. Etwa die Chemie: Urin ist zu 96 Prozent überschüssiges Körperwasser, ergänzt durch Harnstoff, Salze, Vitamine, Pigmente. Oder physiologische Fakten: Urin wird in den Nieren produziert, in der Blase gespeichert, von wo die Botschaft »Geh zur Toilette« ans Gehirn gesendet wird, sobald der Schließmuskel durch den Füllungsgrad stark belastet ist. Angesprochen werden zudem bakteriologische Aspekte: Urin ist steril und praktisch geruchlos; Urin wirkt erst störend, wenn er an der Luft von Bakterien besiedelt wird, die den Harnstoff zum stechend riechenden Ammoniak wandeln. Und indem die Kinder erfahren, wie früher Indianerstämme mit Urin den Mund reinigten, andere Völker ihn noch heute als Putzmittel, oder – wie die alternative Medizin – als Heilmittel nutzen, kommen auch noch Völkerkunde und Medizin zum Zug.

Der Erfolg ihrer Ekelschrift animierte Sylvia Branzei zu weiteren Publikationen. Während sich das erste Buch noch auf das Geschehen im und am menschlichen Körper beschränkte, präsentierte sie 1996 Animal Grossology . Da ist von »Kotzfressern« die Rede (Fliegen, die ihren Magensaft als Verdauungshilfe auf Esswaren deponieren), von den »Blutschlürfern« (neben den Stechmücken auch Viecher wie Blutegel und Zecken) oder den »Schleimmachern« (Schnecken, Schimmelpilze, gewisse Fische). Und zu allem gibt es neben Vordergründigem auch Fachwissen: Fliegen schmecken mit Sinneshaaren an den Beinen; eine Kuh produziert für das Wiederkäuen täglich 200 Liter Speichel; manche Spinnen und Schnecken sind blaublütig, weil sie anstelle von Eisen Kupfer als Sauerstoffträger haben.

Mit Hands-On Grossology lieferte Branzei 1999 schließlich eine Sammlung von über 30 Anleitungen, wie »Unanständiges« von den Kindern handfest nachvollzogen werden kann. Dies geht vom Messen der täglichen Pipimenge und der Veränderung von Geruch und Farbe nach dem Genuss von Spargel oder Rote Beete bis zum »Spit-o-Matic«, dem automatischen Speichelfluss beim intensiven Riechen an der Essigflasche. Anspruchsvoller sind Experimente wie das Herstellen eigener Bakterienkulturen – eine Flüssigkeit aus Hühnerbouillon und Zucker wird in einem Becher einen Tag lang neben dem Kehrichteimer deponiert.

An Sylvia Branzeis Schule gehörte Ekelkunde bald schon zum festen Curriculum. Und außerhalb? Die Pionierin empfiehlt Berufskollegen, vor einem entsprechenden Engagement doch erst mit den Schulbehörden ein klärendes Gespräch zu suchen. Nach anfänglichen erzieherischen Bedenken werde dann meist grünes Licht gegeben. Manchmal zeigen sich allerdings noch Reste von Hemmungen, indem etwa »Furzen« aus dem Programm genommen werden muss. Dabei liefert just dieses körperliche Geschehen viel Hintergrund über das komplexe Leben im Darm, wo Bakterien unsere Nahrung aufschließen und dabei Gase produzieren.

Die Ekelkundige hält auch Vorträge – für 1200 Dollar in der Stunde

Mit verschiedenen Programmen tingelt die mittlerweile fast Fünfzigjährige durch die amerikanische Zivilisation und vermittelt Schulen, Firmen, Familien und Vereinen die Grundlagen des Ekligen. Dass auch Unappetitliches seinen Preis hat, zeigt Branzeis Stundensatz von 1200 Dollar. Von einem Journalisten unlängst über heikle Momente während der Präsentationen befragt, nennt Branzei jenen Programmpunkt, wo sie jeweils einen Freiwilligen aus dem Publikum einen mit Erdnussbutter bestrichenen Cracker essen lässt und dabei erklärt, dass pro Pfund Erdnussbutter bis zu 150 Insektenfragmente und fünf Nagerhaare gesetzlich erlaubt sind.

Gibt es selbst für sie Dinge, die sie ekelhaft findet? »Ja, einen grünen Klumpen Spucke und Skorpione.« Und wie erklärt sie sich die ausgeprägte Freude der Schüler am Ekligen? »Kinder spielen gerne mit den eigenen Gefühlen«, sagt sie. Auch mache es ihnen Spaß, die Erwachsenen mit Tabus zu provozieren.

Vor ein paar Jahren hängte Sylvia Branzei ihren Schuljob an den Nagel, um sich ganz der Ekelkunde zu widmen. Seit dem Jahr 2000 tourt die Ausstellung Grossology: The (Impolite) Science of the Human Body durch amerikanische Naturmuseen und Science Centers. Auf einer Fläche von 500 Quadratmetern wird der Besucher über 17 Stationen durch den menschlichen Körper geführt. Was im Buch als Text und Zeichnung präsentiert wird, kommt jetzt in überlebensgroßen Animationen daher. Man steigt durch einen riesigen Mund und kriecht und rutscht als »Esspartikel« durch die Windungen des Verdauungsapparats. Geräusche, Lichteffekte und Düfte verstärken das sinnliche Erleben.

Eine erste Ausstellung in Oregon lockte in wenigen Monaten 400000 Besucher an. Anfragen von Minnesota bis Texas trafen ein. Jetzt haben die Ausstellungsmacher drei weitere Sets gebaut, um an mehreren Orten gleichzeitig auftreten zu können. Und mit Animal Grossology gibt es seit diesem Jahr auch noch eine auf die Tierwelt spezialisierte Gruselshow. Neben den amerikanischen Events ist zudem eine mehrjährige Tour durch Europa und Asien gestartet worden, mit ersten Stationen in Manchester, England, und am 15. Juni 2006 in Ungersheim, Frankreich. Der Abstecher in die alte Welt und in den Fernen Osten dürfte insofern spannend werden, als die gesellschaftlichen Konventionen über Anstand, Ekel und der Umgang mit Körperfunktionen stark vom jeweiligen Kulturkreis abhängen.

Mit einem ihrer späteren Buchprojekte ist Sylvia Branzei selbst zu weit gegangen. Für den Sexualunterricht schrieb sie ein Manuskript über die in der Pubertät aufkeimenden Nöte. Ein Verleger nach dem andern winkte ab – der mit viel Slang durchsetzte Text erschien doch zu riskant. Obwohl sie daraufhin eine zahmere Version schrieb, wartet sie noch immer auf den mutigen Verlag, der ihr hilft, eine der letzten Tabuzonen der (amerikanischen) Erziehung zu knacken.

Der Mensch ...
Sylvia Branzei hat Mikrobiologie studiert und ist Magister im Fach Science Education. Ihren Job als Lehrerin, unter anderem in Mendocino County, Kalifornien, hat die Biologin aufgegeben. Heute schreibt die Mutter von vier inzwischen erwachsenen Kindern äußerst erfolgreich Kinder- und Lehrbücher. Sie sind an vielen amerikanischen Schulen akzeptiert, selbst Staaten wie Oklahoma haben sie auf die Liste der empfohlenen Lehrmittel gesetzt.

... und seine Idee
In einem Furz steckt überraschend viel Physiologie, Biologie und Chemie. Sylvia Branzei machte sich zur Auffrischung des Unterrichts die Lust der Kinder am Tabubruch zunutze und erfand das Fach Ekelkunde. Grossology, ihr erstes Lehrbuch verkaufte sie weltweit 350000 Mal. Dem Bestseller folgten weitere Bücher, Experimentieranleitungen, Vortragsreisen. Jetzt wird die Ekelwelt der Sylvia Branzei dreidimensional. Ihre Ausstellungen ziehen Hunderttausende Besucher an.

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