Ob man will oder nicht: Es gibt Bücher, deren Lektüre von der Kenntnis des Klappentextes beherrscht wird. Ein derartiger Rezeptionsreflex ergibt sich auch bei Ildikó von Kürthy. Genauer gesagt, aus einem Satz des Klappentextes ihres neuen Buches. Der Satz lautet: "Ihre Bestseller wurden mehr als vier Millionen Mal gekauft und in 20 Sprachen übersetzt."

Nun mag es in der Berufsgruppe der Rezensenten Titanen der objektiven Sachlichkeit geben, deren Hirn nicht automatisch die Zahl 4000000 mit dem geschätzten Autorenhonorar pro verkauftes Buch multipliziert. Aber in den meisten Fällen handelt es sich bei Rezensenten um Leute, die dem Typus menschlicher Normalo entsprechen und die am Ende der Rechnung erst mal nach Luft schnappen, sich dann aber sagen: Ildikó von Kürthy ist zwar auf der trivialen Ebene witzig. Das aber ist sie.

Ihr Blödeltalent ist beträchtlich und zu vierzig Prozent pointensicher. In ihren Spitzenmomenten ist sie eine Art Anke Engelke der U-Literatur. Ihr Spezialgebiet ist ja seit dem Bestseller Mondscheintarif der weibliche Slapstick in geschlechtlichen Versuchsanordnungen. Ihr Spezialtopos weibliche Tolpatschigkeit. Ihr Spezialtypus die mit allen Wassern der Selbstquälerei gewaschene Loserin, die eine große Obsession besitzt für Fehlhandlungen, Fehleinschätzungen, Blamagen aller Art und eine ebenso große Sehnsucht nach romantischer Liebe. Die klassische Ausgangssituation für Gags also.

Klassisch sind Ildikó von Kürthys Bücher auch insofern, als sie das Standardsujet des Groschenromans einfaches Mädchen kommt aus der Unterschicht oder aus der Provinz in gehobene Kreise oder in die Großstadt, erlebt Pech und Gemein-heit ohne Ende, wird von Prinz erlöst, Arzt, reichem Erben etc. eins zu eins übernommen und mit der spätindustriellen Konsumwelt einerseits, der Erlebniswelt der Satire andererseits angereichert hat. Im neuen Roman Höhenrausch kommt Linda Schumann, 35 Jahre, Übersetzerin, nach Berlin-Mitte, weil sie es in Jülich, wo alles sie an ihren untreuen Freund erinnert, nicht mehr ausgehalten hat. In Berlin probiert sie es mit einer Dating-Agentur.

Die Agentur schickt ihr durch eine Verwechslung einen schwulen Türken zum Date. Dann bandelt sie mit dem verheirateten Wohnungsnachbarn, Typ Krawattenheini, an, der sein berufliches Sein als "Top-Entscheider des Landes" definiert. Wenn Linda Schumann flirtet, klingt das so: "Stammen Sie aus Kiel?" Darauf der Entscheider: "Ja, in der vierten Generation." Das ist als minimalistische Charakterstudie schon nicht schlecht. Mit der Summe x mal 4000000 minus Steuer plus Einkünften aus Filmrechten auf dem Konto könnte sich Ildikó von Kürthy das Ausdenken neuer literarischer Scherze ja auch sparen.

Aber gut. Das geht uns wirklich nichts an. Betrachten wir die Angelegenheit mal objektiv und marxistisch. Ildikó von Kürthy hat sich mit Romanen über weibliche Loserfiguren eine ökonomische Basis errichtet, die ihr eine dem Loserdasein genau entgegengesetzte Existenz ermöglicht. Diese Basis aber hält und befestigt sie dadurch, dass sie in ihren Fortsetzungsromanen, im fiktionalen Überbau also, immer weiter Loserfiguren auftreten lässt. Netter kleiner Widerspruch, was? Nun löst ihn Ildikó von Kürthy dadurch, dass ihre Loserinnen am Ende unweigerlich ein Happy End erleben. Bei Linda Schumann beispielsweise sieht das so aus, dass am Ende der Typ, mit dem sie ihre Wohnung in Jülich gegen seine in Berlin-Mitte getauscht hat und den sie nur per E-Mail kannte, plötzlich im Dönerimbiss leibhaftig vor ihr steht und, obwohl sie ihn per E-Mail vorher eher blöd fand, der Richtige ist.

Schade. Das sind genau die hingedeichselten, auf die Leserblödigkeit zielenden happy endings, die aus humoristischer Unterhaltungsliteratur ernst gemeinte Trivialliteratur machen. Das Blöde ist nur: Ildikó von Kürthy fühlt sich eben dazu verpflichtet, aus ihren Loserinnen Gewinnerinnen zu machen. Weil sie ihnen ihren sagenhaften Bestsellererfolg verdankt. So ist das mit dem Trivialen. Es ist nicht trivial, weil es unbedingt Erfolg haben will, sondern weil es ihn schon hat.