Besart Berisha steht jetzt schon viel zu lange in der Mitte. Seine Mitspieler lassen den Ball kreisen; schlenzen ihn an ihm vorbei, über ihn hinweg, durch seine Beine hindurch. »Besart, was los, gestern zu viel getrunken?«, ruft ein Zuschauer. Berisha spuckt auf den Rasen, das Gesicht gramzerfurcht. Es ist nur Training, aber Berisha flucht, läuft, grätscht, als hinge sein Leben davon ab, dass er den Ball erobert. BILD

Und irgendwie tut es das auch. Der Stürmer Besart Berisha ist vor wenigen Tagen 21 Jahre alt geworden, seine Haare sind blond gefärbt, und seine Stirn zeigt zwei tiefe Runzeln. Berisha ist Fußballprofi beim Hamburger SV, er wird in diesem Jahr in der Bundesliga debütieren und vieleicht sogar mit dem HSV in der Champions League spielen – freut er sich? »Ich habe Angst zu scheitern. Ich muss mich durchsetzen, denn wer weiß, ob ich sonst in der Ersten Liga je wieder eine Chance bekomme?« Berisha hat, so sagt man im Sport, den Kopf nicht frei. Zu oft musste er erfahren, dass ihm vom Leben nichts geschenkt wird: »Ich musste in meinem Leben so viele Steine aus dem Weg räumen. Es gab Tage, da dachte ich, die ganz Welt hat sich gegen mich verschworen.«

Besart Berisha, 1985 geboren, wuchs in Prishtina auf, der Hauptstadt des Kosovo. Sein Vater arbeitete auf dem Bau, die Mutter kümmerte sich um Besart und seinen zwei Jahre älteren Bruder Besim. Noch war Jugoslawien ein Staat, noch hatten Serben, Albaner, Bosnier nicht begonnen, sich zu bekriegen.

In der Schule, so erinnert sich Besart heute, träumt er von Maradona, van Basten, Mijatovič, den Fußballhelden dieser Zeit, am Nachmittag kickt er mit den Kindern aus der Nachbarschaft, jeden Tag. Sie spielen im Staub der Straße, umgeben von Betonbauten, Wellblechhütten und Plakatwänden, als Bälle dienen verknotete Lumpen, die Tore sind mit Felsbrocken oder Waschpulvertonnen markiert. Doch das Leben im Kosovo wird immer unsicherer. Die Kosovo-Albaner fordern einen eigenen, unabhängigen Staat, die Serben wollen diesen mit aller Macht verhindern. Menschen werden auf offener Straße ermordet. Besart Berisha erzählt davon, wie er nächtelang wach lag, weil ihm der Lärm der Schüsse den Schlaf raubte, morgens habe er sich geweigert, überhaupt aufzustehen, die Angst, er könnte den Tag nicht überleben, habe ihn gelähmt. 1992 flüchtet die Familie vor dem Krieg nach Berlin. Besart Berisha ist sieben Jahre alt.

In Deutschland kommen er und seine Familie in einem Ausländerheim in Berlin-Lichtenberg unter. Zu viert wohnen sie in einem engen Zimmer in einer dieser Berliner Straßen, die für den Verkehr gemacht sind und nicht für die Menschen, laut, dreckig, kalt. Aber sie sind in Sicherheit, vorerst. Eine Aufenthaltsgenehmigung haben sie nicht. Als Kriegsflüchtlinge werden sie geduldet. Die Mutter wird als »traumatisiert« eingestuft und muss ärztlich behandelt werden. Vor allem deshalb wird die Duldungsfrist verlängert, mal für drei Monate, mal für ein halbes Jahr. Jedes Mal muss die Familie damit rechnen, am Ende dieser Fristen doch noch abgeschoben zu werden.

Der Vater darf in Deutschland nicht arbeiten. Die Hoffnungen der Familie ruhen auf den Fußballkünsten der Söhne. Der ältere Besim gilt als der talentiertere der Brüder. Aber ihm fehlt die Bereitschaft, alles für den Fußball zu opfern: Partys, Freunde, Mädchen. Die Verantwortung liegt bald allein bei Besart, der sich zunächst beim Berliner VB49, später beim SV Lichtenberg als Stürmer einen Namen macht.

Vom Trainingsplatz des Hamburger SV bis zur Umkleidekabine sind es knapp 200 Meter. Besart Berisha hat im Trainingsspiel zwei gute Torchancen vergeben. Nun möchte er am liebsten schnell unter die Dusche. Doch der Weg wird von Dutzenden Fans blockiert, die ihre Fotohandys bereits gezückt halten. »Schöne Scheiße«, murmelt Berisha. Dennoch posiert er geduldig für die Kameras: Berisha mit einem Baby auf dem Arm, Berisha mit einem HSV-Teddy in der Hand – Berisha lächelt gequält. Man merkt, dass er sich an die Rolle als Star erst noch gewöhnen muss. »Ich kenn das nicht, dass sich so viele Leute für mich interessieren. In der Schule war ich der Außenseiter und hatte kaum Freunde.«

Im Frühjahr 2003 wird der Berliner Spielerberater Axel Kleinefinke auf Besart Berisha aufmerksam und erkennt dessen Fähigkeiten: Der Junge führt den Ball am Fuß, ohne einmal hinunterschauen zu müssen, er schießt mit links wie rechts gleichermaßen präzise, und er hat, was nicht viele haben: Torinstinkt; die Begabung, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu stehen. Kleinefeld vermittelt Berisha an Tennis Borussia Berlin. Der 18-Jährige stürmt dort in der A-Jugend-Bundesliga und wird Torschützenkönig.

Der Hamburger SV erfährt über seine Talent-Scouts von den Qualitäten des jungen Stürmers und bietet ihm einen Profivertrag an. Berisha bricht die Realschule ab, er wähnt sich am Ziel seiner Träume, er sieht den HSV-Vertrag als Einrittskarte in eine schöne neue Welt – für sich und seine Familie. Doch der Traum währt nicht lange. Um eine Aufenthaltsgenehmigung zu erhalten und für den HSV spielen zu können, braucht Berisha einen gültigen Pass. Er muss zurück nach Prishtina, um bei den Behörden einen Pass zu beantragen. Weil das Kosovo eine südserbische Provinz ist, muss der Kosovo-Albaner Berisha Serbe werden. Serben haben im Krieg seinen Großvater getötet, aber er hat keine andere Wahl: In Hamburg beginnt die Saison-Vorbereitung, und viel Zeit bleibt nicht. Kleinefinke, sein Berater, begleitet ihn nach Prishtina. Drei, vier Tage, vermuten sie, länger kann es nicht dauern, bis die Formalitäten erledigt sind. Doch auf den Ämtern fühlt sich niemand für Berisha zuständig, immer wieder fehlen Unterlagen. Aus Tagen werden Wochen, am Ende wird es ein Monat. Klaus Toppmöller, der damalige HSV-Coach, ruft Berisha an und verspricht: »Junge, halte dich fit, dann bekommst du deine Chance.«

Berisha zupft an seinem Hemdkragen, während er von Prishtina erzählt. Er unterbricht sich häufig, beginnt wieder von vorn, und manchmal schüttelt er nur den Kopf. Berisha sitzt am Esszimmertisch in seiner Wohnung in Hamburg-Niendorf. Niendorf ist ein gepflegter, kein schicker Stadtteil, vor den Garagen stehen Mittelklassewagen. Berishas Wohnung ist mit hellem Teppich ausgelegt, das Bett, den Tisch und den Schrank hat er bei Ikea gekauft. Er verdient zwar einen sechsstelligen Betrag im Jahr, aber so richtig Geld ausgeben, das traut er sich nicht.

In Prishtina wohnt Berisha wochenlang im Keller seines Onkels. Er muss sich verstecken, denn viele in der Stadt haben gehört, dass er in Deutschland professionell Fußball spielt, und manche könnte das auf die Idee bringen, ihn zu kidnappen, um Lösegeld zu erpressen. »Ich wurde halb wahnsinnig«, sagt Berisha. Er schläft schlecht und isst wenig. Gleichzeitig weiß er: Nur wenn er in Form bleibt, hat er eine Chance, in der kommenden Saison für den HSV zu spielen. Also fängt Berisha wieder an zu trainieren, macht Sit-ups und Liegestützen im Keller. Morgens um fünf, wenn es dämmert, geht er im Wald laufen; ebenso abends, wenn es dunkel ist. Einmal stolpert er über eine Wurzel und schürft sich das Knie auf, ein andermal liegt eine Leiche auf dem Weg.

Nach vier Wochen fährt er zurück nach Hamburg. Einen Pass hat er nun, aber ihm fehlt Spielpraxis. Die Bundesliga hat bereits begonnen – ohne ihn. Berisha verpasst den Sprung in den Kader. Die Behörden, sagt er, »hätten mir beinahe alles kaputt gemacht«.

Der HSV schickt ihn als Leihgabe nach Dänemark. Berisha spielt ein halbes Jahr in Aalborg, danach wechselt er zum AC Horsens. Horsens ist ein kleiner Verein. Zu den Ligaspielen kommen weniger Zuschauer als in Hamburg zum Training. Der Platz ist uneben und oft sehr matschig. Berisha ist einsam, er vermisst seine Familie. Aber der Trainer setzt auf ihn, spricht ihm Mut zu. Berisha zahlt es mit Treffern zurück. 29 Tore erzielt der AC Horsens in der gesamten Saison, elf davon schießt Berisha. Die Leistung des 20-Jährigen entgeht auch nicht dem neuen HSV-Coach, Thomas Doll, und so holt er den jungen Stürmer zurück.

Von seinem ersten Gehalt hat Berisha seinen Eltern einen Fernseher gekauft. Sie sind in Berlin geblieben, in einer kleinen Wohnung in Neukölln. Mittlerweile haben sie eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung, von dem Geld, das Berisha ihnen zukommen lässt, können sie leben. »Es ehrt mich, durch meine Tore die Existenz meiner Familie zu sichern«, sagt Berisha. Hemmt ihn die Verantwortung nicht? »Im Gegenteil, für mich hat der Sport dadurch eine ganz andere Bedeutung. Ich gehe ernsthafter an die Sache ran.«

An diesem Samstag kommen seine Eltern nach Hamburg. Berisha hat sie eingeladen zum Auftaktspiel gegen Arminia Bielefeld. Zumindest auf einen Kurzeinsatz hofft er. »Ich möchte, dass meine Eltern dabei sind, wenn ich das erste Mal in der Bundesliga auflaufe und 50.000 Menschen meinen Namen brüllen.« Und für den Fall, dass er ein Tor schießt, hat er auch schon einen Song ausgesucht: »Dann sollen sie It’s My Life von Bon Jovi spielen.« Eine Zeile darin lautet: »Ich bin nicht nur ein Gesicht in der Menge.«