Vorsichtig setzt Daniel Dietz den Akkubohrer auf den grauen Kalkstein am Hibiskus-Fluss, bohrt ein zehn Zentimeter tiefes Loch, hämmert den Spreizhaken hinein und schraubt ihn fest. Ein paarmal heftig gerüttelt und gezogen – der sitzt! Dem Abstieg steht nichts mehr im Weg. Also wird das Seil eingefädelt, der Achter am Klettergurt eingehakt, und schon geht es in die Tiefe: Schritt für Schritt, zwölf Meter, Rücken zum Abgrund, senkrecht zur glitschigen Rinne, während ringsum das Wasser tost und Ruben und Emilio, die Canyoning-Führer, oben sichern.

Das war’s für heute, die letzte Wand. Weiter werden auch die künftigen Gäste nicht vordringen, für die Daniel Dietz die neue Reise ausarbeitet, "Begegnung mit dem unbekannten Kuba" soll sie heißen. Dietz ist der kanarische Partner des deutschen Veranstalters Gomera Trekking Tours. Als Zugnummer der Reise hat er eine Flusswanderung im Nationalpark Topes de Collantes in der Sierra del Escambray nördlich von Trinidad vorgesehen.

Fünf Abseilstellen sind vom Einstieg bis hierher zu bewältigen – gleich am Anfang ein Wasserfall von immerhin 30 Meter Höhe. Da schießt das Adrenalin ins Blut. Und unten sperren zersplitterte Bambusstangen immer wieder den Fluss Las Majaguas. Der Wüterich, der hier gehaust hat, war einer der 23 Hurrikane vergangenen Jahres. Von bromelienüberwachsenen Ficus- und Ceiba-Riesen baumeln Lianen, Kolibris blitzen smaragden im flirrenden Dschungellicht, und ein fingergroßes Chamäleon nimmt den hellgrauen Farbton der Königspalme an, auf deren Stamm es sitzt.

Für die Anfänger unter den Canyoning-Touristen empfiehlt sich ein paar Täler weiter der Cabagán. Der Anmarsch verläuft durch duftende Kaffeesträucher, übersät von weißen Blütensternen. Zu dieser Jahreszeit führt der Fluss viel Wasser, die Abstiege durch Kamine und schäumende Gischt sind spektakulär, aber gut zu bewältigen. Sie enden in Grotten, deren Kalkablagerungen an den Decken hängenden Sahnehäubchen gleichen.

Im Neoprenanzug durch glasiges Grün treiben, über schlüpfrige Steine klettern, durch brusttiefe Gumpen waten und weder Schlangen noch Skorpione fürchten – das ist Canyoning in Kuba. Auf der Suche nach der Idee für einen ungewöhnlichen Urlaub war der 27-jährige Bergführer Dietz vor zwei Jahren im Internet auf Berichte junger Kubaner gestoßen, die versuchten, Canyoning als Sportart auf der Karibikinsel heimisch zu machen. Gemeinsam mit der örtlichen Reiseagentur Cari Fish erkundeten sie versteckte Flüsse, und Dietz, der schon fast ein Dutzend Reisen entworfen hat, witterte so etwas wie eine Sensation: Ein weißer Flecken auf der längst so geheimnislosen touristischen Weltkarte – gibt es das noch? Dietz beschloss, aus seinen privaten Urlaubsplänen ein Geschäft zu machen.

Im vergangenen Sommer flog er nach Havanna, um mit den kubanischen Canyoning-Freunden die Betreiber des Nationalparks von der Idee der sportlichen Nutzung zu überzeugen. "Man braucht Geduld und Intelligenz, um die Lücke zu finden zwischen den Möglichkeiten der Natur und den Beschränkungen der Administration", sagt Jaime, einer der Agenturmitarbeiter. Man ahnt, wie zäh die Verhandlungen verliefen. Schließlich kam die offizielle Erlaubnis, Canyoning-Touren für Touristen im Naturschutzgebiet zu organisieren.

Ein paar Hindernisse müssen jedoch noch überwunden werden, bevor die Erkundung des "unbekannten Kuba" möglich ist. So soll die Reise neben sportlichen Naturerlebnissen intensive Begegnungen mit Menschen auf der Insel ermöglichen – und schon tun sich die nächsten Probleme auf. Bei Bauern übernachten, spontan eine Bäckerei besichtigen oder sich abends zu den Dörflern in den Fernsehsaal setzen, wenn ganz Kuba bei La cara oculta de la luna, der Telenovela um Liebe und Aids mitfiebert – das geht so einfach nicht. Zwar ist der Kontakt zu Ausländern erlaubt, wer jedoch regelmäßig Fremde in sein Haus bittet, muss sich den bohrenden Fragen der Vertreter der örtlichen "Komitees zur Verteidigung der Revolution" stellen. Deshalb scheuen die meisten davor zurück, Fremde einzuladen. Abgesehen davon lässt sich auch auf Kuba die Gruppenreise nicht neu erfinden. Hotelübernachtungen, Transporte, Besichtigungen, Wanderungen werden von staatlichen Firmen organisiert und kalkuliert. Daran ändert auch der Reiseplaner Dietz nichts, "Kuba ist teuer", stöhnt er. "Die festgelegten Preise treiben meine Kosten weit nach oben."