Es war ein finsterer und stürmischer Nachmittag. Der Sturm heulte wie eine wahnsinnige Todesfee und schüttelte die dürren, blattlosen Bäume an der Auffahrt so heftig, daß man hätte schwören können, das Klappern ihrer Skelette zu hören, und ein eisiger Wind brandete gegen ffolkes Manor.«

Das klingt nach einem jener furchtbaren, wunderbaren Schmöker, die man an finsteren und stürmischen Nachmittagen gerne zu sich nimmt. Es klingt, als hätte man das irgendwo schon gelesen. Damals vielleicht in diesem Ferienhaus, wo zerlesene Krimis auf dem Regal überm Sofa lagen?

Der englische Schriftsteller Gilbert Adair ist ein Stimmenimitator erster Güte, der seine Vorbilder parodiert und überbietet. Aber er stellt sie nicht bloß, er verbeugt sich vor ihnen. In seinem Roman Liebestod auf Long Island (1999) war es Thomas Mann, und hier, in seinem jüngsten Buch Mord auf ffolkes Manor, ist es Agatha Christie. Sie tritt tatsächlich auf, wenn auch unter anderem Namen: »Evadne Mount trug eins ihrer dottergelben Tweedkostüme, dazu ein Paar äußerst unkleidsamer Strümpfe.«

Die Krimiautorin gehört zu acht Gästen, die das Weihnachtsfest des Jahres 1935 in einem Herrenhaus bei Dartmoor verbringen. Am Morgen des ersten Feiertages findet man den jungen Ray erschossen in einer Dachkammer. »Unter der Tür hatte ein Rinnsal geronnenen Bluts einen Fleck von unangebracht lebhafter Farbe auf den düsteren Steinfliesen des Treppenabsatzes gebildet.«

Es handelt sich zweifelsfrei um Mord, aber wer beging ihn? Nach Lage der Dinge kann es nur einer der Hausbewohner oder der Gäste gewesen sein. Und wie geschah er? Die Tür ist von innen verschlossen, das Dachfenster vergittert. Das einsam gelegene Anwesen ist infolge des Schneesturms von der Außenwelt abgeschnitten, das Telefon funktioniert nicht, die Wege sind unpassierbar.

Wer François Ozons Film 8 Frauen (2002) gesehen hat, wo (unter anderen) Catherine Deneuve, Isabelle Huppert, Emmanuelle Béart und Fanny Ardant in einem eingeschneiten Haus sich die Leiche des ermordeten Hausherrn gegenseitig in die Schuhe schieben, dem wird die Ähnlichkeit auffallen. Sowohl Ozon als auch Adair beziehen sich auf Agatha Christies Roman Mord im Orientexpress, sie spielen ihn weiter, variieren ihn – wie etwa ein Barpianist alte Jazzmotive zu neuem Glanz zu bringen vermag.

Adair ist ein solcher Virtuose an der Bar, und weil man dort in der Regel nicht genau hinhört, kann einem leicht entgehen, welche Kunst es ist, Vorhandenes, Überliefertes in ein neues Muster zu fügen. Die Tatsache, dass sich Literatur fast immer auch auf Literatur bezieht, ist für Gilbert Adair die Quelle einer unerschöpflichen Lust am Spiel mit parodistischen Verweisen, ironischen Überblendungen. Die Tochter des Hausherrn wird einmal so beschrieben: »Ihre blonden Locken ergossen sich über die glatte Stirn wie der Kamm einer Welle über den einsamen Strand.« Adair liebt Reminiszenzen ans Triviale. Oder an die schönen Umständlichkeiten altenglischen Benehmens: »›Ich nehme an‹, sagte er, ›es ist zwecklos, Sie zu fragen, ob irgendwo eine Mordwaffe herumlag?‹«

Es ist der im Ruhestand befindliche Chefinspektor Trubshawe, den man mit einiger Mühe herbeigeholt hat und der sich nun anschickt, Gäste und Gastgeber zu verhören. Dabei stellt sich heraus, dass der Ermordete von allen mehr oder weniger gehasst wurde. »Selbst ich, Chefinspektor, und ich bin berühmt für meine lebendigen und farbigen Charakterschilderungen«, bekennt die Schriftstellerin, »selbst ich wüßte nicht, wie ich das Abstoßende dieses Mannes am besten beschreiben sollte.« Der Klatschkolumnist Ray kannte von fast jedem der Anwesenden ein dunkles, verborgenes Lebenskapitel, und all dies kommt nun, während draußen der Schnee stürmt, aufs peinlichste zu Sprache. Keine Frage, dass Adair diese Peinlichkeiten höchst amüsant zu erzählen versteht.

Am Ende ist es nicht der wackere Inspektor mit der kalten Pfeife im Mundwinkel, der den Fall entwirrt, sondern die Schriftstellerin, und es gehört zum besonderen Reiz dieser Krimiparodie, dass sie ein richtiger und völlig altmodischer Krimi ist. Die Hausangestellten, die unten in der Küche über den Täter rätseln, haben es gewusst: »Erinnert ihr euch, dass es in Büchern immer die Person ist, von der man es überhaupt nicht erwartet?«

Gilbert Adair, 1944 in Edinburgh geboren und in London lebend, ist ein ausgefuchster Kenner der Literatur und ein hochintelligenter Handwerker. Er verbindet Scharfsinn, Witz und Präzision. Der Roman Blindband (1999), geschrieben ausschließlich in Form der direkten Rede, ist das zunehmend unheimliche Kabinettstück einer späten Rache. Hier spielt das Kriminalistische eine ernste, fast tragische Rolle. Im neuen Roman Mord auf ffolkes Manor (die Kleinschreibung gehört zu den Marotten von Colonel Roger ffolkes) ist es vor allem sehr komisch. Bleibt hinzuzufügen, dass Jochen Schimmang dieses Buch hervorragend übersetzt hat.