Zuletzt hat Robert Gernhardt wie besessen gegen den Tod angedichtet. Hat mit der Sprache ein verzweifeltes Spiel gespielt gegen den Krebs, der ihn unterwanderte. Hat noch einmal die über viele Jahrzehnte hinweg errungene Virtuosität und Vers-Leidenschaft mobilisiert, um sie dem körperlichen Verfall entgegenzusetzen, als könnten Form und Formvollendung etwas ausrichten gegen die Deformierung des Lebens. Bis ans Ende hat er versucht, sich seinen Reim zu machen selbst auf die Sterbensangst:

Trägst den Tod in dir?
Trägst schwer.
Tod ist nicht irgendwer:
Wiegt.
Stirbst wie nur je ein Tier?
Nimms leicht.
Tod wird durch nichts erweicht:
Siegt.

Es sind weder nachgelassene noch nachlassende Strophen, die jetzt unter dem geradezu sportiven Titel Später Spagat erschienen sind. Gernhardt hat diese Gedichte aus seinen letzten drei Jahren noch selbst zusammengestellt und sie dem Leser als weiteres Zeugnis seines lebenslangen Versuchs ans Herz gelegt, »Standbein und Spielbein, Ernstbein und Spaßbein, Verschlüsselbein und Entschlüsselbein« miteinander zu verbinden. Er hat damit den großen rühmenden Nachrufen sein eigenes Fazit nachgerufen. Hellwach und todwund. Von Schmerzen gepeinigt und pointenselig.

Robert Gernhardt – einer der Repräsentanten der nicht repräsentierenden Neuen Frankfurter Schule – hat sich vom Satiriker und Karikaturisten, vom Glossenschreiber und Zeichner zum Poeten ganz eigener Art entwickelt, hat anfangs vielleicht von der Nonchalance Erich Kästners profitiert, von der kessen Drastik Tucholskys etwas mitbekommen, hat sich wohl von Ernst Jandl faszinieren lassen und am ehesten das Erbe Ringelnatzens angetreten (dem eins dieser letzten Gedichte gilt). Er hat der deutschen Nachkriegslyrik die falschen, hehren, pompösen Töne ausgetrieben (zuletzt noch in der grandiosen Abfertigung von Walter Höllerers berühmter Transit- Anthologie) und dafür den Alltag, die Allerweltssituationen, die Saisons der Seele in Gebrauch genommen. Er hat einer neuen Gegenwart ihre eigene Geistesgegegenwart beigebracht. Dabei war er mit seiner unablässigen Produktivität, seinem geradezu manischen Schreibdrive so etwas wie ein Großschriftsteller, ein Erfolgslyriker, der sich den dicksten Sammelband unter allen zeitgenössischen Dichtern erwarb – und dennoch ein Minimalist der Beobachtung, ein Meister der kleinen Gesten, der raffinierten Nuancen.

Noch mit Kalauern, mit Nonsens und Schmonzes arbeitete er sich immer tiefer in die Sprache hinein. Er folgte ihr, wie Lichtenberg, in die geheimen Maulwurfsgänge, in denen sie sich selbst begegnet. Das waren, in den geglücktesten Versen, keine Wortspiele mehr, sondern Abseitsfallen der Semantik, wie in diesem Stammbuchvers:

Für die Jugend
Daß ein junges Glück entstehe
sucht Man Frau, sucht Frau die Nähe.
Aber ehe, ehe, ehe,
wenn ich auf das Ende sehe!

Der Antrieb seiner immensen Produktion waren – neben der Sprachlust – sein polemisches Temperament, sein Spaß am Sarkasmus, sein genialer Hohn aufs routinierte Dasein (durchaus auch aufs eigene). Dass der Hauptgegner zuletzt der Tod war, der Krebs, minderte seine Streitbarkeit nicht – gerade davon zeugt der späte Band. Aber auch die Kollegen bekommen immer noch ihr (kaltgepresstes) Fett ab, neben Durs Grünbein, Enzensberger, Rühmkorff und Pastior vor allem die »Maler« unter ihnen, denen der professionelle Künstler den Rat gibt: