Er war ein Ästhet, vielleicht der Letzte seiner Art. Er liebte den Schein, die Schönheit, die Überhöhung und das Pathos der großen Empfindungen. Ästhet sein, das war für den Kino- und Opernregisseur Daniel Schmid zugleich Lebensgefühl und eine Frage der künstlerischen Moral, weil er wusste, dass Konstruktion und Künstlichkeit verlässliche Verbündete einer tiefen Wahrheit sind. Deshalb liebte er die Diven des Alltags und des Kinos, die Schausteller und Hochstapler, all jene, für die das Leben eine Vorstellung ist, bei der man selbst den Vorhang zieht. Am zärtlichsten brachte er sie im Kuss der Tosca auf die Leinwand, seinem Dokumentarfilm über die Bewohner eines Altersheims für Opernsänger. Wenn ein greises Paar den zweiten Akt der Tosca singt, mit brüchigen Stimmen und zittrigen Händen, wenn der abgeblätterte Anstaltsflur zur Bühne der Scala wird, dann begreift man, dass diese Schmidschen Helden nie anders als im Modus des Auftritts gelebt haben.

Er selbst war ja auf einer Art Alltagsbühne aufgewachsen: in einem der schönsten Belle-Epoque-Hotels der Welt. Im Schweizerhof in Flims beobachtete der Hotelierssohn Elisabeth Bergner, Douglas Sirk und die jüdischen Emigranten, die aus New York in die Sommerfrische kamen, den Gala-Aufmarsch in der Lobby, lauschte den Gäste-Geschichten der Großmama, von Albert Einstein und Sarah Bernard, die angeblich einmal seinen Großvater wach geküsst habe. Dieser Erinnerungspalast, in dem immer noch die Stimmen eines untergegangenen Europas zu flüstern scheinen, einer kosmopolitischen Großbürgergemeinschaft in ewig kultivierter Ferienstimmung, war Schmids große Inspiration. In seinem Film Zwischensaison hat er sie verewigt, als schwebende Fin-de-Siècle-Fantasie. Geraldine Chaplin, Samy Frey und Andréa Ferréol lassen die Familien- und Hotelgespenster wieder aufleben, und Ingrid Caven singt dazu die Caprifischer, so inbrünstig, als seis das letzte Mal.

Dass Schmid, der Träumer und Melancholiker aus Graubünden, ausgerechnet in dem Rabauken Rainer Werner Fassbinder sein wohl wichtigstes künstlerisches Gegenüber fand, mutet unwahrscheinlich an.

Trotzdem haben sie sich gemocht und herausgefordert, als sie sich Anfang der Sechziger bei der Aufnahmeprüfung zur Berliner Filmhochschule begegneten, zwei Lederjacken unter lauter Krawattenträgern. Schmid bestand. Fassbinder fiel durch und machte sich lustig über den Verwöhnten, der es wohl nie zu einem Film bringen würde. Dabei war es gerade seine innere und äußere Unabhängigkeit, die Schmid davor bewahrte, im Psychogerangel der Fassbinder-Clique unterzugehen. Dass Fassbinder ihm die Verfilmung seines umstrittenen Stückes Der Müll, die Stadt und der Tod anvertraute und eine der Hauptrollen übernahm, war wohl die endgültige Anerkennung des Regisseurs Daniel Schmid. Schatten der Engel wurde ein großartiges Hybridwerk über den neuen alten Antisemitismus, geprägt von einer seltsamen Spannung zwischen der Brutalität der Fassbinderschen Sprache und der Eleganz der Schmidschen Inszenierung.

Wenn Schmid die Exzesse und Eifersüchteleien jener Jahre ausmalte, wahrte er immer belustigte Distanz, so als schaute er auf die Guckkastenbühne des eigenen Daseins. Endlos konnte man seinen Geschichten lauschen, erzählt mit jener heiseren Stimme, die ihm nach einer früheren Krebsoperation blieb. Sie wurde zum Instrument der Erinnerung, zur leisen Melodie einer untergegangenen Ära, die in seinen Schilderungen immer wieder neu und anders erwachte. Irgendwie scheint er immer noch da zu sitzen, auf der langen weißen Veranda des Schweizerhofs, vor dem Panorama der Berge, der Landschaft seiner Überhöhungen, und weiter zu erzählen.

Am vergangenen Sonntag ist Daniel Schmid zu Hause in Flims mit vierundsechzig Jahren an Krebs gestorben.