Die Raumfähre ist kaum größer als ein Kleiderschrank. Vor dem Abheben schließen sich zwei Klapptüren, vom Start kündet ein leichtes Schnarren, eine rote Ziffer zählt aufwärts. Es gleiten die Etagen vorbei, im siebten Stock ist Endstation. Der Fahrstuhl hat den Orbit von Dana Ranga erreicht. BILD

Eine Frau in weißer Bluse und Jeans öffnet die Tür. »Hier bin ich dem Himmel näher«, sagt sie. Ihr Gesicht ist blass, obwohl draußen längst Sommer ist. Dana Ranga hat sich eingekapselt in ihrer Zweizimmerwohnung, 20 Meter über Berlin. Sie schneidet gerade ihren dritten Dokumentarfilm, einen Film über den russischen Kosmonauten und Volkshelden Waleri Poljakow, und sie plant ihr Lebenswerk: ein Filmarchiv mit Astronauten-Interviews, eine Art Weltkulturerbe über den Menschen und das All.

Rund 60 Astronauten (West) und Kosmonauten (Ost) hat sie für ihre Recherchen gesprochen. Vor allem jene, die mehrere Monate im All waren, haben Ranga beeindruckt. Poljakow, der Rekordhalter mit 437 Tagen Weltraumaufenthalt ohne Pause. Story Musgrave, ein exzentrischer Nasa-Astronaut. Und auch Thomas Reiter, unser Mann im All, der Europa gerade auf der Internationalen Raumstation (ISS) vertritt. Reiter strahle »so eine Wärme und Weisheit aus«, sagt Ranga, »er wirkt…« – sie sucht nach einem Wort – »erleuchtet?« Es gefällt ihr nicht, klingt zu buddhistisch. »Wir müssen auch die Sprache erweitern.«

Dana Ranga, Poetin des Weltraums. Der Europäischen Raumfahrtagentur (Esa) kommt die Berliner Filmemacherin, die auch Gedichte schreibt, gerade recht. »Wir müssen mit der Kunstwelt in Kontakt treten«, sagt Dieter Isakeit vom Esa-Zentrum in Nordwijk, »wir sind uns bewusst, dass Raumfahrt auch eine kulturschöpferische Aufgabe hat.« Im Dezember, wenn Thomas Reiter auf die Erde zurückkommt, soll Dana Ranga ihn interviewen. Die Esa bekommt das Rohmaterial, Ranga darf daraus Filme machen.

Vielleicht hat die Raumfahrtbehörde ein aufrichtiges Interesse am Kontakt mit den Künstlern, wahrscheinlicher ist, dass sie die Kunst für ihre PR braucht. Denn die bemannte Raumfahrt hat ein Problem: allgemeines Desinteresse. Als Thomas Reiter am 4. Juli im Shuttle saß und die Triebwerke zündeten, verfolgten in Deutschland gerade mal 150000 Zuschauer den Start live auf n-tv. Als 20 Minuten später Italien gegen Deutschland spielte, sahen 30 Millionen Zuschauer beim ZDF zu. Als Reiter vergangenen Donnerstag seinen Spaziergang ins All unternahm, schaffte er es immerhin in die Tagesschau – hinter Libanon, Sprengstoffkoffer, Leitzinsen, Afghanistan und dem Störfall im schwedischen Atomreaktor. BILD Thomas Reiterist der erste Deutsche auf der Internationalen Raumstation ISS. Sechs Monate lang wird er dort die Stellung halten. Vergangene Woche beglückte er uns mit einem Weltraumausflug. Nun fehlt nur noch die Live-Übertragung seines ersten Gitarrenständchens im All

Gravierender noch als das Desinteresse der Öffentlichkeit ist das der Wissenschaft. Die Deutsche Physikalische Gesellschaft (DPG) lehnt die bemannte Raumfahrt rundheraus ab. Knapp zwei Milliarden Euro hat Deutschland bisher in die ISS investiert. »Das Geld wäre an anderer Stelle besser aufgehoben«, sagt DPG-Vizepräsident Knut Urban vom Forschungszentrum Jülich und beklagt die knapper werdenden Mittel der Universitäten. Urban hat selbst in den neunziger Jahren Experimente für die Raumfähre Columbia betreut – und sich schließlich wieder auf irdische Physik konzentriert. »Ich konnte den hohen Mitteleinsatz persönlich nicht mehr vertreten, da muss jeder vor sich selbst ehrlich sein.« Der US-Physiker und Kolumnist Robert Park nennt die Raumstation »eine einzige Peinlichkeit«.

Denn die bemannte Raumfahrt wird zunehmend zum Selbstzweck. Sie versucht Probleme zu lösen, die ohne sie keiner hätte, so wie Muskelschwund im All oder die Belastung des Herz-Kreislauf-Systems in der Schwerelosigkeit. Am vergangenen Donnerstag montierte Reiter eine Infrarotkamera außen an der ISS. Nicht Sterne wird das Gerät im Visier haben, sondern Schäden am Shuttle. Die Nasa bemüht sich schon gar nicht mehr, wenigstens den Anschein von forschenden Astronauten zu wahren. Vor zwei Wochen gab sie Planspiele bekannt, die Forschung auf der ISS im nächsten Jahr einfach auszusetzen, um Geld zu sparen. Denn das braucht man für die geplanten Ausflüge zum Mond und zum Mars.