Saarbrücken

Der Albtraum der deutschen Apotheker sieht zunächst ziemlich harmlos aus. Unter den düsteren Arkaden der Saarbrücker Kaiserstraße, zwischen einem Wettbüro und einem leer geräumten Schuhgeschäft, leuchtet das giftgrüne Firmenschild von DocMorris, dem Online-Medikamentenversand, der hier seine erste Apotheke eröffnet hat.

Im Verkaufsraum treten sich etwa zehn Kunden auf die Füße, für mehr reicht der Platz nicht. Draußen bilden sich Schlangen, drinnen hantiert Apothekerin Jutta Müller mit Rezepten und Medikamenten. Eine kleine Klitsche, höhnen die Konkurrenten. Und fürchten sie so sehr, dass sie die Klitsche in Grund und Boden klagen wollen. Denn in ihren Augen ist das giftgrüne Firmenschild eine Kriegserklärung, der erste Angriff eines Pillen-Discounters, der mit Billigpreisen den Einzelhandel zerstören und die Kunden am Fließband abfertigen will.

DocMorris, ein holländischer Konzern mit deutschem Geschäftsführer und amerikanisch klingendem Namen, hat mit seinem Online-Versand und bis zu 30Prozent billigeren Medikamenten bislang über 700000 überwiegend deutsche Kunden angelockt. Um eine Versandlizenz auch für Deutschland zu erhalten, musste das Unternehmen wenigstens eine deutsche Apotheke in seinen Besitz bringen. Man suchte und fand Jutta Müllers kleine Klitsche in der Saarbrücker Kaiserstraße. DocMorris kaufte Müllers Geschäft und stellte die ehemalige Eigentümerin als Filialleiterin ein. Prompt beantragte die Stadtapotheke in der Fußgängerzone zwei Straßen weiter beim Saarbrücker Landgericht die sofortige Schließung der DocMorris-Konkurrenz. Ihr Argument: In Deutschland gelte das Fremdbesitzverbot. Danach bekommt eine Apotheke keine Zulassung, wenn sie keinem Apotheker gehört. Schon gar nicht, wenn der Besitzer keine natürliche, sondern eine juristische Person ist. DocMorris wiederum pochte auf das europäische Niederlassungsrecht. Vorigen Mittwoch wies das Gericht den Antrag auf einstweilige Verfügung zurück: Europarecht bricht deutsches Recht, die DocMorris-Apotheke kann vorerst bleiben. Seitdem drängen noch mehr Kunden in die Kaiserstraße, Müller soll ihren Umsatz in den letzten vier Wochen verdoppelt haben. Ich habe heute noch nichts gegessen und getrunken, ruft sie in ihre überfüllte Apotheke.

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Viele Fragen beantwortet sie lieber nicht, bei Telefoninterviews hört zudem die DocMorris-Pressesprecherin mit. Woher sie ihre Medikamente bezieht? Wir haben unsere Quellen. Anfeindungen von Kollegen? Das kreist so um uns rum. Wir erfahren das auch alles aus den Medien.

Kunden, deren Medikamente sie nicht vorrätig hat, überreicht sie ein Bestellformular, das diese samt Rezept an den Online-Versand schicken sollen. Da fällt dann nicht nur die persönliche Beratung weg, sondern auch die Eigenbeteiligung von mindestens fünf Euro für rezeptfreie Arzneimittel. Außerdem sparen die Käufer die Hälfte der Zuzahlung für die verschreibungspflichtigen Medikamente. Auch diese Praxis fanden die DocMorris-Gegner unlauter, schickten gar einen Undercover-Testkäufer in Müllers Apotheke, der seine Erkenntnisse in einer eidesstattlichen Erklärung festhielt. Im ersten Verfahren half es nichts. Nun hofft man nicht nur bei der Stadtapotheke auf das Verwaltungsgericht in Saarlouis.