Wenige Monate nach unserer Ankunft in Deutschland wurde ich eingeschult. Schnell war mir die fremde Sprache nicht mehr nur ein Geräusch, immer öfter blitzten im Wortschwall meiner Mitschüler Wörter auf, die ich verstand. "Pause" zum Beispiel. "Pause" war eines der ersten Wörter, die ich verstand, auch "Stillarbeit". Bei "Stillarbeit" wusste ich, dass die Lehrerin eine "Pause" machte und in einer Illustrierten blätterte, während die Schüler sich selbst überlassen wurden. Und dass die Schüler wiederum, "Stillarbeit" vortäuschend, nichts anderes taten, als auf das "Läuten" der "Klingel" zu warten, bis sie selbst eine "Pause" hatten. Langsam ergaben die Wörter einen Sinn, bildeten Zusammenhänge.

Während des ersten Diktats meines Lebens hatte ich schweißnasse Hände, räusperte mich vor Erregung, wunderte mich, weshalb ein einziges Wort so häufig in dem diktierten Text vorkam: "Komma". Ich fragte mich, "Komma" ausschreibend, was es zu bedeuten habe, nicht ahnend, dass es sich um ein Satzzeichen handelt.

Am Ende des ersten Schuljahres erhielt ich ein Zeugnis ohne Noten, mit einer schriftlichen Beurteilung. Frau S., die Klassenlehrerin, schrieb, ich sei ein "ausgeglichener Schüler", allerdings würde ich "kaum von Kameraden verstanden". Von Frau S. wiederum, die eine dicke Hornbrille trug, wurde kolportiert, sie selbst sei nur mühsam zu verstehen. Sie stamme aus Niederbayern und sei, nachdem sie einen reichen Weinbauern geheiratet hatte, eher zufällig ins Rheinland geraten.

Mir schien, wir waren, meiner Lehrerin nicht unähnlich, nicht einfach hierher gezogen, sondern eine fremde Macht hätte uns von einem Erdteil auf einen anderen transplantiert. Über Nacht verschwanden die Insignien des Ostens: Mein Vater nahm sich seinen polnischen Schnurrbart ab, und Mutter trug Jeans statt bunter Röcke, die kleinen Kioske mit Plastiksoldaten waren ersetzt worden durch Kaufhäuser mit Spielwarenabteilungen und stellten die sozialistische Warenwelt in den Schatten.

1981 sind wir nach Deutschland gezogen, nur wenige Wochen bevor in Polen der Kriegszustand ausgerufen und die Gewerkschaft Solidarność für Jahre zerschlagen wurde. Wir durften auswandern, da die Eltern meiner Mutter deutscher Abstammung waren. Als gelte es, eine Wunde zu schließen, versorgten wir uns in dem neuen Land mit Konsumgütern. Das erste Auto, das Vater für 500 Mark von einem türkischen Gebrauchtwagenhändler erstand, war ein orangefarbener Ford Capri, der wie ein Sportwagen aussah, dessen Leistungsfähigkeit allerdings äußerst begrenzt war. Bereits leicht ansteigende Landstraßen meisterte er nur noch im zweiten Gang. Vater liebte ihn. Es war sein erstes Auto. Und von Autos hatte er in Polen oft gesprochen. Doch schon wenige Monate später musste der Capri einem weitaus robusteren Nachfolger weichen: dem VW Passat in Dunkelgrün. Der Ford hatte nach einer Fahrt durch die Waschstraße kein Lebenszeichen mehr von sich gegeben.

Ich saß an jenem Vormittag auf dem Hintersitz, und das Autoradio wurde immer leiser, wurde übertönt von dem mächtigen Platzregen, der von allen Seiten auf die Karosserie prasselte. Bunte Bürsten näherten sich bedrohlich, rotierend umzingelten sie das Blech, schäumten es ein. Nach der Waschstraßenfahrt wurde kurz inspiziert, ob noch alles dran war: Heckspoiler, Seitenspiegel und Radioantenne waren unversehrt, der Capri strahlte in sattem Orange, duftete nach frischer Wäsche – und sprang nicht mehr an. Zum ersten Mal maschinell gereinigt, musste er vom Waschstraßengelände abgeschleppt werden, mit dem Dreck war gleichsam sein Leben hinweggespült worden.

Und der Westen hatte Vater erstmals einen Makel offenbart. Bevor der Abschleppdienst kam, löste er fluchend das kleine Papstbild und die heilige Mutter Gottes vom Armaturenbrett und klebte bald darauf beide in den Passat.

Vater rühmte die deutsche Autobahn, den glatten Asphalt, das dichte Straßennetz, den ADAC. Er fragte sich eine Zeit lang, weshalb so viele Städte in Deutschland "Ausfahrt" heißen. Bis er die Schilder verstand.