Man könnte meinen, der Astrologe Peter Schmid habe alles vorhergesehen. In seinen Horoskopen ist Pluto der Planet »des Stirb und Werde«. Er stehe für die Zerstörung des Alten, »damit Neues entstehen kann«. Dass wegen dieses Planeten allerdings gleich die ganze himmlische Ordnung infrage gestellt wird, hat der Sterndeuter wohl nicht gedacht. Ein Streit um Pluto führt dazu, dass die Wissenschaft nun kurzerhand die Hierarchie der Planeten umstürzt. Nicht nur die Schulbücher bedürften dann einer Aktualisierung. Auch manches Horoskop müsste umgeschrieben werden.

Zu dem wahrhaft planetaren Reformprojekt haben sich in diesen Tagen rund 3000 Astronomen in Prag versammelt. Die Stadt, in der einst die Sterngucker Tycho Brahe und Johannes Kepler wirkten, ist der rechte Rahmen für die Weltkonferenz der International Astronomical Union (IAU), einer Art UN der Astronomie. Seit Mittwoch liegt den Delegierten eine Resolution vor, die es in sich hat: Sie fordert nichts anderes als eine Neuordnung der Gestirne. Statt bisher neun soll es künftig zwölf Planeten geben – und zwölf weitere Kandidaten, die in den kommenden Jahren darauf hoffen dürfen, in den erweiterten Kreis unserer Sonnensystem-Union aufgenommen zu werden.

Dabei hätte man annehmen dürfen, dass die Frage nach den Planeten im Jahr 2006 geklärt sein müsste. Schon in der fünften Klasse prägen sich Schüler die Reihenfolge mit einem Satz ein: »Mein Vater Erklärt Mir Jeden Sonntag Unsere Neun Planeten« – die Anfangsbuchstaben stehen für Merkur, Venus, Erde, Mars, Jupiter, Saturn, Uranus, Neptun und Pluto.

Nach der IAU-Resolution soll Schluss sein mit diesem exklusiven Planetenzirkel. Integration neuer Himmelsbrocken ist angesagt. Zwar muss die Reform des Sonnensystems kommende Woche erst von der Vollversammlung der IAU abgesegnet werden. Und noch ist unklar, ob die Delegierten ihren Vordenkern folgen. Doch zum Schulbeginn sollten Physiklehrer sicherheitshalber auf der IAU-Website nachschauen, ob der Himmel noch derselbe ist wie vor den Sommerferien.

Als Planet soll künftig jeder Himmelskörper gelten, der um die Sonne kreist und »groß genug ist, um von der eigenen Schwerkraft in eine nahezu runde Form gezogen zu werden«. Das träfe auf jeden himmlischen Brocken zu, der eine Masse von mehr als 5x10^20 Kilogramm hat (etwa ein Zehntausendstel der Erdmasse) und einen Durchmesser von 800 Kilometern (ein Sechzehntel des irdischen). Demzufolge wäre der zwischen Mars und Jupiter kreisende Ceres, der bisher als Asteroid galt, künftig zu den Planeten zu zählen. Dieselbe Ehre käme dem Pluto-Mond Charon zu und dem Himmelskörper 2003 UB313.

»Diese Definition wird nur Wissenschaftler glücklich machen«, schimpft Michael Brown vom California Institute of Technology. Ihm ist es zu verdanken, dass die Diskussion aufgekommen ist. Vor drei Jahren entdeckte er, dass das Sonnensystem nicht mit Pluto, dem neunten Planeten, endet. Jenseits davon machte Brown 2003 UB313 aus, einen zehnten Himmelskörper, der ebenfalls die Sonne umrundet und größer ist als Pluto. Seither schwebt die Frage im Raum: Sind beide Planeten? Oder keiner von beiden? Vielleicht sind die beiden Himmelsobjekte auch nur große Brocken am Rand des Sonnensystems. Dort, im Kuiper-Gürtel, ziehen Zehntausende von Objekten aus Stein und Eis ihre Bahn, der Bauschutt des Sonnensystems. Darf man so etwas »Planet« nennen?

So kurios der Streit klingt – er ist alles andere als neu. Im Lauf der Geschichte hat sich die Definition der Planeten oft verändert. Für die frühen Hochkulturen zählten dazu nur jene sieben Himmelskörper, die sie mit bloßem Auge ausmachen konnten – Sonne, Mond, Mars, Merkur, Jupiter, Venus und Saturn (eine Tatsache, der wir die Einteilung der Woche in sieben Tage verdanken). Mit dem Aufkommen der modernen Astronomie geriet alles durcheinander. Zunächst warf Nikolaus Kopernikus das geozentrische Weltbild um; Sonne und Mond wurden als Planeten eliminiert, die Erde hinzuaddiert. 1781 sichtete William Herschel den Planeten Uranus und erhöhte die Zahl wieder auf sieben. 20 Jahre später vermeldete die von Astronomen gegründete »Himmelspolizey« erneut einen Fahndungserfolg: Sie entdeckte den kleinen Ceres, der bald mit seinen Geschwistern Pallas, Juno und Vesta die Planetenzahl auf elf hochschnellen ließ.