Aufregungen beleben den Kreislauf und bessern den Teint. Aber selbst wenn der kosmetische Zweck eindeutig überwiegt, müssen sie doch, damit der Schwindel nicht auffliegt, einen gewissen Wert auf das Gewicht ihrer Anlässe legen. Dieses Gewicht, um es nur gleich zu sagen, bringt die Berliner Ausstellung Erzwungene Wege, über die letzte Woche so viel schöne Empörung produziert wurde, nicht auf die Waage. Sie ist weder bedeutend noch anstößig und auch nur in Maßen aufschlussreich. Sie ist nicht viel mehr als eine bessere Wandzeitung, die deutsche Vertreibungen im europäischen Kontext anderer Vertreibungen des 20. Jahrhunderts zeigt. Einige Tondokumente von Opfern sind beigegeben, ein paar der obligatorischen Devotionalien zu sehen: klapprige Pappkoffer, anrührende Behelfsmittel der Flucht, Trachtenkostüme aus der verlorenen Heimat. Alles in allem hält sich die Trauer, die von der Ausstellung ausgehen könnte, in karg bemessenen Grenzen. ZWANGSUMSIEDLUNG INS REICH: Deutsche verlassen Dobrudscha, 1940 BILD

Vor allem aber: Von den Gelüsten nach Revision und Revanche, die solche Dokumentationen gerne provozieren, ist nichts zu bemerken. Im Gegenteil deutet die Wandzeitung mit ihren trockenen Texten oft eine umgekehrte Pointe an. Die Opfer haben, bevor sie vertrieben wurden, mitunter selbst an der ethnischen Entmischung mitgewirkt. Zwei schlagende Beispiele sind der griechisch-türkischen Geschichte entnommen. Bevor die Griechen 1922 aus der Türkei vertrieben wurden, hatte es einen Überfall der festlandsgriechischen Armee gegeben, die ihrerseits das türkische Küstengebiet annektieren wollte. Die »megali idea«, die Idee vom Großgriechenland, hat fünfzig Jahre später auch den Zypernkonflikt provoziert. Abermals waren es Griechen, die Opfer einer griechischen Politik wurden, die den Anschluss der Insel herbeiputschen und bomben wollte. Türkische Truppen besetzten 1974 den Nordteil der Insel und vertrieben die Zyperngriechen in den Süden, die zuvor die Türken unterdrücken und vertreiben wollten.

Die Tragik solcher Vorgänge besteht darin, dass ihre individuellen Opfer oft unschuldig an den Kollektivverbrechen waren, für die sie durch Heimatverlust bestraft wurden. Der Zyperngrieche hat nicht unbedingt mit den Großmachtträumen seiner Vettern vom Festland sympathisiert, und noch viel weniger ist es wahrscheinlich, dass der seit Jahrhunderten in Smyrna ansässige griechische Händler von türkischer Oberherrschaft befreit werden wollte. Die Ausstellung schweigt darüber, aber es dürfte klar sein, dass hier der Punkt liegt, wo sie den Übergang zu dem Schicksal deutscher Vertriebener nach 1945 finden will. Keineswegs verschweigt sie die ethnischen Säuberungen, die von Deutschen in Polen vorgenommen wurden, aber sie will doch auch nicht sagen, dass die deutschen Vertreibungen aus Polen eine gerechtfertigte Quittung seien.

Sie sind es natürlich, individuell gesehen, auch nicht. Aber aufs Ganze, aufs Historisch-Moralische gesehen hat es umgekehrt nicht die geringste Plausibilität, gegenüber Polen auf deutschen Heimatrechten zu bestehen. Polen als ganzes Land ist in gewisser Hinsicht vertrieben worden, nämlich auf russischen Druck einige hundert Werst westwärts, auf deutsches Gebiet geschoben worden. Daran sind die Polen vollständig unschuldig, und die Russen wiederum hätten es nicht tun können, wenn die Deutschen nicht den Hitler-Stalin-Pakt geschlossen und dann ihren verbrecherischen Krieg begonnen hätten.

Mit anderen Worten: Wo auch immer man die Genese der deutschen Vertreibungen packen will, der historische Zugriff endet stets bei der eigenen, der deutschen Nase. Das weiß die Ausstellung auch, sie legt es sogar nahe, sie will es nur nicht so recht aussprechen, weil sie sich überhaupt mit Deutungen zurückhält, die über den unmittelbaren kausalen Nexus hinausgehen. Man kann ihr das nicht zur Last legen, weil sie diese Askese überall übt (mit Ausnahme vielleicht der Armenier, denen eine kollektive Mitschuld an ihrem Schicksal beim besten Willen nicht nachzuweisen ist).

Die Ausstellung, kurzum, ruft nur Fakten auf, aus denen der Besucher seine eigenen Schlüsse ziehen muss. Sie ist nicht ärgerlich, sie ist wortkarg. Das Aufsehen, das sie vorab erregte, war nur durch den Verdacht befeuert, sie sei als Bewerbungsschreiben für Größeres gedacht, das dann wirklich ärgerlich sein könnte, nämlich jenes Zentrum gegen Vertreibungen, das der Bund der Vertriebenen und seine Chefin Erika Steinbach seit Jahren anstreben. Aber gesetzt den Fall, eine solches Zentrum wolle sich nur europäisch tarnen, sei aber in Wahrheit durch deutsche Vertriebenen-Ressentiments motiviert – dann wäre die jetzige Ausstellung ein schlechter Probelauf. Sie zeigt nämlich, wie der europäische Kontext, einmal ordentlich ausgebreitet, mühelos über alle deutsche Weinerlichkeit und Unrechtsgefühle triumphiert. Die Maskerade (falls überhaupt angestrebt) schiebt sich als Wahrheit vor alle schlechten Nebenabsichten.

Ausstellung im Berliner Kronprinzenpalais täglich von 10 bis 19 Uhr

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