Es ist ein spektakulärer Fall, der die Haftpflichtversicherung für Manager jüngst in das Zentrum des öffentlichen Interesses gerückt hat. Der Aufsichtsrat des Autoherstellers Volkswagen (VW) soll angeblich rund 4,5 Millionen Euro direkt von der Versicherungsgesellschaft AIG für das Unternehmen einfordern. Es wäre der Schadensersatz, den der frühere Personalvorstand Peter Hartz womöglich zahlen müsste, sollten sich die Vorwürfe bewahrheiten, er habe über Jahre auf Firmenkosten Bordellbesuche und Luxusreisen für Betriebsräte finanziert und so den Konzern geprellt. Peter Hartz Ex-Vorstand von VW, Jürgen Sengera, Ex-Cehf der WestLB, Dieter Berninghaus, Ex-Chef von Rewe; Rolf Breuer, Ex-Vorstandssprecher der Deutschen Bank BILD

VW hat Vorstände und Aufsichtsräte – wie die meisten Dax-Konzerne – per Manager-Haftpflicht versichert. Experten sprechen von einer »Directors & Officers Liability«-Police (D&O). Sie greift, wenn sich eine Führungskraft nachlässig verhält oder Fehlentscheidungen trifft, die dem Unternehmen schaden. Dafür sind Vorstände und Aufsichtsräte seit einigen Jahren persönlich haftbar. Immer häufiger kam es daher zuletzt zu Schadensersatzklagen, etwa der Landesbank WestLB gegen ihren Ex-Chef Jürgen Sengera oder vom Handelskonzern Rewe gegen seinen Ex-Chef Dieter Berninghaus. Auf Rolf Breuer, den ehemaligen Vorstandssprecher der Deutschen Bank, könnten im Streit mit dem Unternehmer Leo Kirch, der den Banker für den Zusammenbruch seines Medienimperiums verantwortlich macht, ebenfalls noch hohe Zahlungsforderungen zukommen. Unter Umständen müsste die Versicherung einspringen.

Da Topmanager im Ernstfall um Haus und Hof fürchten müssten, sind D&O-Versicherungen heute in großen Unternehmen weit verbreitet. Sie zahlen allerdings nur, wenn der Manager den Schaden durch eine Vernachlässigung seiner Pflichten verursacht hat, zum Beispiel wenn er den Betrieb schlecht führt oder nicht dafür sorgt, dass Fehler schnell erkannt und behoben werden – Fachleute nennen das Organisationsverschulden. »Man ist nur versichert, wenn kein Vorsatz im Spiel war«, erläutert Michael Hendricks, ein auf D&O-Policen spezialisierter Versicherungsmakler aus Düsseldorf. Seit einigen Jahren schließen immer mehr Versicherungen auch im Fall grober Fahrlässigkeit Zahlungen aus.

Solange im Fall Hartz der Sachverhalt im Ermittlungsverfahren noch nicht vollständig aufgeklärt ist, steht nicht fest, ob die Versicherung überhaupt zahlen müsste. Einige Experten mutmaßen derweil, dass der Versicherer daran interessiert sein könnte, mit einer Zahlung schnell aus der Verantwortung entlassen zu werden. Weder VW noch AIG wollen sich allerdings derzeit zum Fall Hartz äußern.

Trotz der gewaltigen Deckungssummen einigen sich D&O-Versicherer mit ihren Kunden häufig auf eine verträgliche Einmalzahlung. Der Financial Times Deutschland zufolge soll etwa im Fall von Jürgen Sengera und sieben weiteren Managern die Versicherung mit der WestLB eine Zahlung von mehreren Millionen Euro vereinbart haben; allerdings gebe es derzeit Streit, und zwar just um die Frage, ob die Versicherung bei etwaigen weiteren Ansprüchen trotzdem einspringen müsse.

Vom Unternehmen zu tragen sind die normalen kaufmännischen Risiken – eine missglückte Fusion, ein falscher strategischer Schwenk, ein geplatzter Vertrag. Sie stehen D&O-Experte Hendricks zufolge meist nicht im Schadenskatalog. Andernfalls sei die Verlockung zu groß, sich nach einem schlechten Geschäft an der Versicherung schadlos zu halten. Vielerorts herrsche eine »Vollkasko-Mentalität«, so Hendricks, die Zahl der Schadensmeldungen sei in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Allzu häufig, sagt Roderich Thümmel von der Anwaltskanzlei Thümmel, Schütze & Partner in Stuttgart, hätten Vorstände in der Vergangenheit auch Fehler auf sich genommen, nur damit die D&O-Versicherung zahlt. Um dem einen Riegel vorzuschieben, enthalten viele Verträge heute Klauseln, die vorschreiben, dass die Firma den Manager verklagen oder entlassen muss, bevor der Versicherer einspringt. Vielfach sind die Prämien gestiegen, und die Innenhaftung des Managers gegenüber dem Unternehmen wurde in den Policen eingeschränkt.

Die Kosten für die Manager-Haftpflicht sind beträchtlich: Sie können Experten zufolge in einem Dax-30-Unternehmen mit einer mittleren Deckungssumme von 150 Millionen Euro durchaus zwei Millionen Euro pro Jahr kosten. »Weniger als zehn Millionen Euro Deckungssumme kommen eigentlich nur bei kleineren Unternehmen in Betracht«, sagt Thümmel. Die Höhe der Prämie hängt laut Bijan Daftari, einem Haftpflichtspezialisten des D&O-Anbieters Chubb, auch davon ab, in welcher Branche ein Konzern tätig ist, ob er auch in den USA aktiv ist oder an der Börse notiert. Wer zu wenig Eigenkapital oder schlechte Zahlen aufweist, bekommt genauso schwer eine D&O-Versicherung wie einen Kredit. »Für ein solides Unternehmen ist das kein Problem«, sagt Daftari.