Wann kommen die achtziger Jahre zurück? Wie lange müssen wir noch im Banne der nabelfreien Siebziger verharren und auf die Wiederkehr von überbreiten Schultern, paillettenbesetzten Gürteln, hochgeschobenen Ärmeln und halsfernen T-Shirts warten? Im Lichte von Michael Manns Kino-Remake der Fernsehserie Miami Vice kann die Antwort nur lauten: sehr lange.

Denn wenn schon die Wiederaufnahme eines solchen Stoffes, der die Achtziger geprägt hat wie vielleicht sonst nur Armani, auf alle modischen Zitate der Zeit verzichtet, dann wird sich auch sonst niemand an das zugegebenermaßen halsbrecherische Wagnis trauen; und das ist vielleicht auch gut so. Andererseits: Was bleibt von Miami Vice, wenn es sich einem nostalgischen Plädoyer für die Disko-Mode verweigert? Wenn Sonny Crockett keine Föhnfrisur und keine pinkfarbenen Shirts zu schmuddelweißen Anzügen trägt, sondern schwarze Klamotten wie ein deutscher Stadttheaterintendant und gegeltes Haar wie ein Unternehmensberater? Wenn Schwermut und Glamour durch hausbackene Schusseligkeit abgelöst werden, mit anderen Worten, in denen das ganze Desaster des Films schon beschlossen liegt, Crockett überhaupt nicht mehr von Don Johnson, sondern von Colin Farrell gespielt wird?

Ausgerechnet von Colin Farrell! Der schon als Alexander der Große in Oliver Stones Historienspektakel eher weinerlich und schwerstpubertierend denn heroisch wirkte und in dem vorliegenden Film erst recht nicht zum polizeilichen Widerpart von kolumbianischen Drogenbossen taugt. Wozu taugt dieses stupsnasige Häschen überhaupt? Nun, es taugt, das muss man dem Regisseur Michael Mann lassen, zu der memmenhaften Rolle, die es hier zu spielen hat. Man glaubt es ihm sofort, dass es sich in die strenge und dominahafte Gong Li verliebt, die hier die verhärmte Geschäftsführerin eines Drogenkartells gibt. Sie bringt das Kunststück fertig, gleichzeitig und gleich überzeugend die eiserne Jungfrau und das strenge Muttchen zu spielen. Das zieht Colin Farrell, diesen ewigen Messdiener des Herzens, naturgemäß magisch an.

Aber was glaubt man ihm sonst? Jedenfalls nicht den abgebrühten detective, der undercover mit Kriminellen arbeitet. Und übrigens auch nicht den Speedboat-Fahrer, womit wir beim eigentlichen Thema des Filmes wären. Gewiss werden auch Motorräder und die obligatorischen Ferraris gezeigt, aber die große Liebe der Kamera und des Drehbuchs gehört den Speedboats. Speedboats, die man in Europa mit größerer Liebe zur Wahrheit auch Powerboats nennt, sind gewaltig motorisierte Rennboote, deren Schraube nur halb getaucht im Wasser dreht, sodass sie einen Schweif von Gischt hinter sich herziehen, der gern zwei- bis dreimal so lang wie das Boot ist und den Vortrieb durch ein Rückstoßprinzip nach Art einer Düse steigert.

Konventionelle Schnellboote (zum Beispiel der Marine) gelten als schnell, wenn sie 40 Knoten, das sind etwa 70 Stundenkilometer, fahren. Powerboats erreichen dagegen mühelos das Doppelte und mehr. Schwimmen oder fahren kann man das nicht mehr nennen, sie brettern über die Wellen, mitunter berührt nur noch die Schraube das Wasser, man könnte auch sagen: hier waltet die rohe Kraft allein. Es lohnt sich, darauf ausführlich zu verweilen, nicht nur weil es auch die Kamera tut, sondern weil es emblematisch für die Ästhetik des Films ist. Auch der Film wird nur durch rohe Gewalt getrieben, nicht allein in den Schusswechseln und Showdowns in der bekannten Manier von Michael Manns Heat, sondern in der brutalen Ästhetik der Effekte. Es gibt hier gar nichts anderes mehr als Effekte, es ist die Dramaturgie eines Wasserschweifs, der von einem Turbodiesel in dröhnender Lautstärke erzeugt wird.

Vor allem auf der Tonspur. Wer sich für Momente die Ohren verstopfte, würde feststellen, dass im Bild eher weniger passiert. Aber wenn das Ohropax wieder draußen ist, tobt die Hölle aus den Lautsprechern. Offensichtlich ist aller Ehrgeiz der Produktion in die Beherrschung der Dolby-Surround-Technik geflossen. Während auf der Leinwand vorne Colin Farrell sein verzagtes Schnäuzchen zeigt, ballern die Maschinenpistolen hinten rechts, knattert der Hubschrauber hinten links, schäumen die Wellen in der Mitte des Zuschauersaals. Weiter ließe sich die Sinnesreizung im Kino nur treiben, wenn man auch die billigen Parfüms in den Diskos von Miami röche oder den Angstschweiß der Polizisten, die gerade entdecken, dass ihre Vorgesetzten mit im Sumpf des Verbrechens stecken.

Denn das ist das Einzige, was diesen Film mit dem Vorbild der Fernsehserie verknüpft: die einschüchternde Korruption, die amerikanische Politik, Drogenhandel und exilkubanische Putschgelüste in Florida verbindet. Die Korruption ist ewig. Alles andere ist Wasserzauber, Gischt, der glitzernde Schweif der Speedboats, das Prinzip der Oberflächenschraube. Kein Tiefgang. Es ist, wie auch sonst in vielen Filmen Michael Manns, alles nur halb getaucht.