Abgeschaltet wird nicht. Auch nach der Internationalen Funkausstellung (Ifa), die diese Woche in Berlin beginnt, wird Fernsehen mit DVB-H-Technik aufs Handy übertragen. Sehen kann es zwar niemand, weil es ein Probebetrieb ist. Doch T-Mobile, Vodafone, E-Plus und O2 wollen daraus den Standard für ihr Handy-TV machen. BILD

Um die Dimension zu erahnen, reicht ein Blick aufs eigene Mobiltelefon. Heute haben die meisten eine Kamera. Vor vier Jahren gab es fast keine.

Wenn sich fernsehtaugliche Handys genauso schnell verbreiten, werden bald mehr Menschen ein mobiles TV-Gerät mit sich herumtragen, als es Fernseher in deutschen Wohnzimmern gibt. Die Mobilfunkbetreiber glauben nun nicht, dass jeder in der S-Bahn oder auf der Parkbank fernsehen will. Aber einige Millionen Zuschauer erwarten sie schon, was sich auch mit den Erhebungen der Marktforscher von Goldmedia deckt. Denen zufolge soll Handy-Fernsehen bereits im Jahr 2010 rund 450 Millionen Euro Umsatz bringen. So wird der Mobilfunk nach dem SMS-, Klingelton- und Musik-Versand zu einem ernsthaften Verbreitungsweg fürs Fernsehen.

Für ARD und ZDF, die Medienpolitik und die Medienaufsicht ist das wenig verlockend, ja sogar bedrohlich. Denn der Mobilfunk hat vieles mit dem Internet gemeinsam. Beide zusammen verändern das Fernsehen so sehr, dass sich jeder fragen muss, worin seine künftige Rolle besteht. Und ob er eine hat.

Die Bedeutung von Handy- und Internet-Fernsehen belegen noch ein paar Zahlen: Von den 10- bis 13-Jährigen besitzt bereits jeder Dritte ein eigenes Handy, die Älteren praktisch alle. Ein Fünftel hat kurz nach der Grundschule einen eigenen Computer, und 96 Prozent der 14- bis 19-Jährigen geben an, im Internet zu surfen. Dort suchen sie mehr als andere Altersgruppen nach Videos und Fernsehen.

Spätestens jetzt drängt sich eine Erinnerung auf: Vor rund zwanzig Jahren entstand das TV-Kabelnetz. Es war die Voraussetzung für RTL und Co., sich zu entfalten und im Laufe einer Generation das Wesen des Fernsehens zu verändern. Es wurde unterhaltsamer und einfallsreicher – oft auch seichter und geschmackloser, und die Öffentlich-Rechtlichen haben sich daran angepasst. Es geschah, was der Medienphilosoph Marshall McLuhan vorausgesagt hatte: The medium is the message. Die Bedingungen, unter denen Fernsehen stattfindet, verändern das Medium sowie die Seh- und Lebensgewohnheiten des Publikums. BILD

So ist es jetzt wieder.

Im Internet werden TV-Programme, die einem zeitlichen Ablaufplan folgen, zur Randerscheinung. Stattdessen wachsen riesige, digitale Bibliotheken heran. In ihnen mischen sich private Videos mit Musik- und Bezahlfernsehen. In den USA ist das bereits zu beobachten, Die bekanntesten Plattformen heißen derzeit YouTube und iTunes.

Handy-TV wird in Deutschland zunächst wohl mit 16 Angeboten starten. Von Kanälen kann man nicht mehr sprechen, weil, wer Handy-TV schaut, nicht viel Zeit hat. So entsteht der Voraussicht nach ein Schnipsel-Universum, in dem sich Marken wie die Serie Gute Zeiten, schlechte Zeiten, der Quatsch Comedy Club und aktuelle Nachrichten durchsetzen.

The medium is the message – die Öffentlich-Rechtlichen und die bisherige Regulierung verdanken ihre Existenz dem Grundgesetzartikel 5: »Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet.« Ihre Gestalt aber gehorchte stets den Bedingungen, unter denen Fernsehen stattfand, und wenn neue Übertragungswege hinzukommen, müsste eine Diskussion beginnen, wie der Auftrag des Grundgesetzes in dieser sich wandelnden Fernsehwelt erfüllt werden kann.

Es brauchte also eine neue »Zielvorstellung«, wie Norbert Schneider, Chef der Landesmedienanstalt von Nordrhein-Westfalen, in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung gefordert hat. Doch was geschieht? Die Medienpolitiker der Länder wirken wie erstarrt, weil sie für die entscheidenden Fragen in der digitalen Welt keine natürliche Zuständigkeit mehr besitzen. Die Übertragungsnetze sind zunehmend national (Mobilfunk), kontinental (Satellit) oder sogar global (Internet). Gleichzeitig ändern sich die Geschäftsmodelle und damit die Gewichte zwischen Sendern, Netzbetreibern und Zuschauern rasant. Welche Sender bekommen Zugang zu einer Plattform oder einem Übertragungsweg? Und was ist ein fairer Preis fürs Fernsehen? Darauf können das Bundeskartellamt oder die EU-Wettbewerbsbehörde leichter antworten als Medienpolitiker aus Saarbrücken oder Kiel.

Zu beobachten ist das am Fall des Satellitenbetreibers SES Astra. Er sitzt in Luxemburg und will gemeinsam mit den deutschen Privatsendern eine neue Gebühr einführen. RTL und ProSieben sollen in ein paar Jahren nur noch als Abo-TV zu sehen sein, und ein Teil der Einnahmen fließt direkt an die Sender. Nutzen die Unternehmen dabei ihre Stellung am Markt aus? Das werden die Wettbewerbsbehörden entscheiden, die immer mehr in die Rolle des Medienregulierers hineinwachsen, jedoch ohne den Auftrag, die Öffentlich-Rechtlichen zu schützen.

Auch ein Blick auf ARD und ZDF, die ja für die Grundversorgung mit Fernsehen zuständig sind, kann nicht beruhigen: Einerseits verlangen sie eine eigene Gebühr für Internet-fähige Computer. Gleichzeitig dürfen sie aber, von den Medienpolitikern dazu gezwungen, nicht mehr als 0,75 Prozent ihrer Ausgaben fürs Internet verwenden. Wer sich dann anschaut, was dabei herauskommt, braucht nicht lange zu verweilen. Heute und Tagesschau sind online zu sehen, doch ansonsten gibt es meistens TV-Imitate. Da wird dann eine lose Folge von Standbildern mit einer Tonspur unterlegt. Im Mobilfunk wiederum ist noch nicht einmal das absehbar. Weder ARD noch ZDF wissen bisher, ob sie über den Probebetrieb hinaus im kommenden DVB-H-Standard dabei sein wollen. Wenn es so käme, wäre es die erste Technik, bei der die Öffentlich-Rechtlichen als Letzte kämen.

Unterm Strich sieht es wohl so aus: Die Landespolitik ist orientierungslos und tendenziell machtlos. Neue Fernsehangebote für jüngere Zuschauer entstehen zunehmend dort, wo ARD und ZDF nicht oder nur mit wenigen bewegten Bildern präsent sind. Mit welchen Argumenten will man da eigentlich die nächste Gebührendebatte bestehen? Dient die monatliche Überweisung ausschließlich dazu, dass man am traditionellen TV-Gerät in der ersten Reihe sitzt?

Es ist nie bequem, sich infrage zu stellen, doch die Ifa wäre ein guter Ort, um damit anzufangen.