Ein Ruf? Wer hat gerufen? – Seite 1

Ausschlafen
Ist mit Abstand das Beste am Forscherdasein. Man bleibt Student, sein Leben lang. Beamten- oder Angestelltennaturen ebenso wie Familienväter und -mütter sowie bestimmte Labornaturwissenschaftler können allerdings nicht ausschlafen, sosehr sie sich auch als Wissenschaftler fühlen mögen. BILD

Aussehen, männlich
Man hört und liest es immer wieder: Aufs Aussehen kommt es an! Erfolgreich sind die Schönen, die Hässlichen müssen sich anstrengen. Das ist in der Wirtschaft so. Und in der Wissenschaft? Schlecht sitzende Anzugkombinationen (wenn überhaupt Anzüge!) mit irgendwie schon lange aus der Mode geratenen Mustern oder ein universell aufgetragener Allerweltsschmuddellook: das hat noch keiner Karriere geschadet, sonst würde man solchen Bekleidungen nicht ständig auf Kongressen und in Instituten begegnen.

Aussehen, weiblich
Frauen in den Geisteswissenschaften unterliegen einem recht ungesicherten Aussehenskodex. Ist der kurze Rock nur beim Vortrag verpönt oder auch schon im Institut? Welche Absatzhöhe muss man wählen, um nicht zu bieder und nicht zu lasziv daherzukommen? Einige Ratschläge kann man wagen. Der Schal ist die Krawatte der Frau, anders als die Krawatte bei den Männern ist der Schal bei den Frauen jedoch immer erlaubt und kann helfen, die Schmuckwahl zu erübrigen. Frau muss kein Make-up auflegen, da sie aber meist genügend Schwierigkeiten hat, mittels der weiblichen Stimme eine einprägende Vorstellung zu hinterlassen, ist eine Konturierung des optischen Eindrucks nicht von Nachteil.

Berufungsverfahren
Wenige Riten sind so geheimnisumwittert und von Herrschaftswissen durchsetzt wie das Prozedere zur Kooptation eines neuen Kollegen, sieht man einmal vom Konklave zu Rom ab. Vielleicht ist es mehr als nur Zufall, dass sich dort zuletzt ein deutscher Professor bravourös und fast beispiellos schnell durchsetzen konnte.

Campus
Bezeichnet ein in sich geschlossenes Universitätsgelände, wovon die meisten Universitäten im deutschsprachigen Raum – wenn überhaupt – nur eines haben. In den USA hingegen ist the campus meist ein kleines Städtchen, in dem die undergraduates wohnen, essen, im campus bookstore nicht nur Bücher kaufen, sondern auch mit den Insignien der jeweiligen Universität bedruckte Schreibblöcke, Stifte, Jogging-Hosen, Sweat- und T-Shirts (ja sogar Unterhosen); man sitzt in coffee shops und arbeitet mit dem notebook ; sportelt im campuseigenen fitness club und bevölkert – natürlich bis spät in die Nacht – die library . Als Student braucht man den Campus eigentlich gar nicht zu verlassen, und viele scheinen dies bis zum Studienabschluss auch nicht zu tun.

Englisch
Eine schöne, eine große Sprache – wenn man sie beherrscht. Nicht zu verwechseln mit Globalesisch.

Exzellenzcluster
Wurde an deutschen Hochschulen jahrzehntelang bis zu einer schwer nachvollziehbaren Öde der Ergebnisse fast alles gleichmäßig gefördert, so soll nun durch exklusive Verteilungsgerechtigkeit in einem so genannten Exzellenzwettbewerb Geld vor allem dorthin gegeben werden, wo wissenschaftliche Spitzenleistungen in der Forschung zu erwarten sind. Aber woran und wie soll man die vorab erkennen? Die Antwort lautet: an Anträgen und durch Gutachten. Das klingt einfacher, als es ist. Denn Anträge und Gutachten wachsen gegenwärtig wie unter subtropischen Bedingungen. Bearbeitet wird die gigantische Antragsflut durch eine kaum überschaubare Zahl von Gutachtern. Dabei entsteht ein grauer Markt, auf dem sich die Wissenschaft in erster Linie mit sich selbst befasst.

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Globalesisch
Von den Deutschen geliebte und dem ungeliebten Deutsch vorgezogene Sprache der deutschen Wissenschaft. Wenn man Naturwissenschaftler ist, schreibt man nur in dieser Sprache, und man spricht es zumeist amerikanisch – gern mit stark deutschem oder gar dialektalem, also hessischem, berlinischem, sächsischem und so weiter Akzent. Von Universitätspräsidenten und Wissenschaftsministern als fortschrittlich und international gepriesen und entsprechend massiv gefördert. An den Türen einer Universität steht jetzt nicht mehr »drücken«, sondern »push« – und natürlich auch »pull« (vermutlich, damit sich die dort massenhaft drängelnden internationalen Eliten nicht stoßen).

Labor
Ort unsichtbarer Vorgänge. Vieles von dem, was sich im Labor abspielt, hat etwas von Zauberformeln: Es wird zusammengemischt, aufgeheizt, getrennt, gewartet, gerührt, geschleudert, wieder getrennt. Erfolg zeigt sich unter Umständen am Ende in so etwas Unscheinbarem wie einem kleinen, diffusen Fleck auf einer gallertigen Fläche. Erst ganz zum Schluss wird das Unsichtbare sichtbar, und man weiß, ob man die Zeit anstatt hoch konzentriert im Labor ebenso gut am Strand hätte verbringen können.

Mensa
Rund 18 Semester – und damit fast ein Drittel seines Studiums – verbringt der deutsche Durchschnittsstudent in der Mensa. Hier steht er in der Schlange, exzerpiert auftragsgemäß den neuen Ikea-Katalog und bekommt schließlich auf einem schäbigen Plastiktablett die verdiente Quittung für sein nutzloses Dasein serviert: eine übel riechende Ansammlung grellfarbiger Häufchen.

Powerpoint
Mit PowerPoint ist ein neues Kapitel in der Geschichte bildungsfolgenreicher Redundanzen eröffnet worden. Der normale wissenschaftliche Vortrag ist seit etwa sechs bis sieben Jahren selbstbeleuchtet, setzt also Abdunkelung voraus. Da die Bilderfolge durch Computertastendruck – »Einen Moment, ich hab es gleich… Es müsste jetzt eigentlich… Kennt sich jemand damit aus?« – oder Mausklick ausgelöst wird, könnte man in Anlehnung ans Daumenkino hier von der Wissenschaft als Zeigefingerkino oder »Lichtspiel« (Max Weber) sprechen.

Ruf
Der im Wissenschaftsbetrieb Unerfahrene fragt: »Ein Ruf? Was für ein Ruf? Wer hat gerufen? Hörst du Stimmen? Brauchst du Hilfe?« Darauf kann man ganz souverän antworten, dass ein Ruf die höchste Anerkennung wissenschaftlicher Arbeit und eine Sternstunde im Leben eines Wissenschaftlers sei, dass er vom Rektor einer Universität oder früher gar von einem Minister persönlich unterschrieben wurde und so weiter und so fort. Wie man mit einem Ruf umgeht, hängt von verschiedenen Randbedingungen ab. Die zwei Extreme sind leicht zu definieren: Der arme Schlucker, der mittellos und schon etwas älter (was heutzutage bereits bei etwa 30 anfängt) als Single auf einer in wenigen Monaten auslaufenden, befristeten Stelle einem Ruf entgegengefiebert hat, wird ohne Verhandlung alles annehmen, was sich ihm bietet, und jede Gehaltskürzung und Ausstattungsverminderung klaglos akzeptieren. Der mit einer Schweizer Bank-Erbin verheiratete erfolgreiche Lehrstuhlinhaber, der sich beworben hat, um noch einmal seinen Marktwert zu testen, wird typischerweise nur durch horrende Angebote seitens der berufenden Universität dazu zu bewegen sein, sein bequemes und wohlgeordnetes Leben an Ort A aufzugeben, um nach B zu übersiedeln.

Sprache der Wissenschaft
Deutsche Wissenschaftler meinen bisweilen, eine verständliche Sprache sei eine Erniedrigung des Denkens, und verleumden Könner solcher Verständlichkeit als Feuilletonwissenschaftler. Oder aber sie sind sich bewusst, dass ihre Arbeiten nicht gedruckt werden, sofern sie sich nicht einer normierten Fachsprache bedienen. Den gefühlten Normen begegnen diese Autoren in vorauseilendem Gehorsam. Andere Wissenschaftler sind schlicht unfähig, präzises und elegantes Deutsch zu schreiben. Jedenfalls halten sie es keineswegs für eine schlechte Manier gegenüber intelligenten Mitmenschen, eine unverständliche Fachsprache zu verwenden.

Vorlesung
Vorlesungen schlagen Schneisen in das endlose Dickicht des Wiss- und Diskutierbaren und zeigen, wo denn bei den vielen Bäumen der Wald ist. Sie wählen aus und gewichten aus der Warte desjenigen, der es wissen sollte; sie dampfen den Stoff auf lernbare Brocken ein; sie veranschaulichen generelle Sachverhalte an leicht nachvollziehbaren Beispielen. All das in der Hoffnung, dass zum Schluss doch so etwas wie ein Überblick herauskommt – wenn nicht bei den Studenten, dann wenigstens beim Professor, der bei der Übung natürlich am allermeisten lernt.

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Zerstreutheit
Neben dem Ausschlafen ist die Zerstreutheit der zweite Grund für ein glückliches Leben in der Wissenschaft. Über den zerstreuten Professor gibt es zu viele Zeugnisse, als dass hier noch eines hinzugefügt werden müsste. Auf einen wahrlich nicht brandneuen Aspekt sei aber dennoch kurz hingewiesen: die wunderbare Abwesenheit des Zwecks. Denn den Zustand der Zerstreutheit kann sich nur der leisten, auf den es nicht ankommt, der unwichtig ist, der gehen kann, wohin er will, stört er doch niemals.

Miloš Vec et al. (Hrsg.): Der Campus-Knigge; Vom Abschreiben bis Zweitgutachten; Verlag C .H. Beck, München 2006; erscheint am 26. September

Redaktionelle Bearbeitung: Eva Jost