Vor Uwe Pfeifers Atelierfenster scheint der Aufschwung Ost in vollem Gange. Ein blauer Kran auf sommerlicher Wiese, bewacht von den im Hintergrund thronenden zentralen Hochhäusern der Stadt, hebt lässig die Betonwände des gigantischen Call-Centers in den Himmel, das hier entstehen soll. Die Juli-Sonne scheint, die Zementmischer lärmen, und das Glück der Ferne, wie es in einem sozialistischen Aufbau-Gedicht von 1951 hieß, liegt leuchtend nah. Denn Halle hat einen hoffnungsvollen neuen Investor, den amerikanischen Computerproduzenten Dell. Wenn Pfeifer von seiner Staffelei aufblickt, sieht er ein Zukunftspanorama wie aus Wolfgang Mattheuers früher Phase oder aus der Gründerzeit der Plattensiedlung Halle-Neustadt, jenes im Akkord gefertigten Modellplaneten, auf dem der Mattheuer-Schüler von 1969 bis 1976 wohnte und seine ersten skeptischen Stadtlandschaften entwarf.

Es ist schon beeindruckend, sagt er, wie schnell hier die Einheitsarchitektur aus dem Boden wächst. Fast könnte man an eine glückliche Renaissance der Fertigteilutopie glauben, wäre sie nicht auf Schutt gebaut: Im Frühjahr wurde für Dells Nullachtfünfzehn-Neubau die alte Zuckerfabrik, eins der bedeutendsten halleschen Industriedenkmale, abgerissen.

Das ist der leitende Gedankenfehler ostdeutscher Stadtentwicklung: Nur wer hoch und breit auf die Wiese klotzt, hat Zukunft. Leider will diese Zukunft trotz fleißigens Klotzens nicht anbrechen. Pfeifer hat das Ambivalente allen Aufschwungs früh erkannt. In seinen Bildern aus Halle-Neustadt verschmolzen das Zukunftsgewisse und das Morbide zeitgenössischen Bauens zu einem geisterhaften Neorealismus, der ihn heute als den ostdeutschen Chronisten des Urbanen ausweist. Da steckten Menschen kopfüber in Papierkörben aus Waschbeton. Da umzingelte das Heer genormter Häuser nachtgraue Parkplätze von Gewerbegebiets-Ausmaßen. Schon damals malte Pfeifer Halles Konjunktur als eine Sonderform des Niedergangs, und seit der Wende gewinnen seine Sujets ständig an Aktualität: kalte Fassaden, nirgendwohin führende Treppen, am Rande des Abgrunds gezogene Geländer und von der Furie des Verschwindens bewohnte Tunnel.

Sie paraphrasieren die schleichende Apokalypse ostdeutscher Städte, in denen weiter heftig gebaut wird, während sich ihr Verfall beschleunigt. Jetzt geraten denkmalgeschützte Bauten in die kritische Verrottungsphase, prächtige Villen finden keine Käufer. Abriss heißt längst nicht mehr nur Abriss hässlicher Plattensilos und Leerstand nicht nur Wohnungsleerstand. Denn mittlerweile liegen in Sachsen-Anhalts Vorzeige-Kulturstadt Tausende Quadratmeter gut erhaltener öffentlicher Bauten brach: Friedhofsruhe in den Klinkerpalästen der Uniklinik, gähnende Ungewissheit in Kardinal Albrechts vierflügliger Residenz, in der einstigen Königlichen Eisenbahndirektion, in der Kaiserlichen Oberpostdirektion

Die Logik des Wettbewerbs spricht gegen Baudenkmale

Weil Halle so alt ist und so reich an historischer Baumasse, erscheint hier der Neubauglaube besonders fatal. Die 1200-jährige Stadt mit ihrer über 500-jährigen Martin-Luther-Universität, ihrem Aufklärungszentrum, ihrer kostbaren Marienbibliothek, ihren Franckeschen Stiftungen, ihrer Hochschule für Kunst und Design, ihrem Händelhaus, ihren beiden erzbischöflichen Burgen, ihrem Dom und ihrer von Feininger gepriesenen Marktkirche ist heute das Paradebeispiel einer shrinking city. Gezeichnet von Suburbanisierung, zersetzt von Abschreibungsarchitekturen. Wo die Sanierungseuphorie der vergangenen 15 Jahre nicht ausreichte, sämtliche erhaltenswerten Häuser aufzufrischen, und wo die Ureinwohner der Neustadt in prekärer Randlage ihre Platte verteidigen, hat sich das Ideal der schönen siedlungsräumlichen Kompaktheit, das vielen Schrumpfstädten noch immer vorschwebt, als weltfremd erwiesen. Außerdem blieb der Wunsch nach sanftem Rückbau von der Peripherie her eine Illusion angesichts der riesigig sich auftuenden Lücken. 24000 von 110000 Wohnungen stehen in Halle leer, gleichmäßig verteilt auf alten und neuen Teil der Doppelstadt. Von den 330000 Einwohnern des Wendejahrs blieben 235000.

Von den Chemiegiganten Buna und Leuna ist nur ein kläglicher Rest übrig und von Brauereien, Kaffeerösterei, Maschinenfabrik fast nichts.