DIE ZEIT: Bei welchen Symptomen ihres Kindes müssen Mütter und Väter alarmiert sein? Harald Bode ist Präsident der deutschen Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin BILD

Harald Bode: Sie sollten auf jeden Fall schnell zum Arzt gehen, wenn ein Säugling mehr als zwölf Stunden lang nicht trinkt oder isst, das ist eine gefährliche Situation. Bei Fieber über 39 Grad, das ohne erkennbaren Grund auftritt, ist ebenso der Besuch beim Pädiater fällig. Auch schwere Atemstörungen, heftige Bauchschmerzen, starke Schwellungen am Hals und im Gesicht nach einem Insektenstich können bedrohlich sein.

ZEIT: Bei manchen Kindern ist die Angst vor dem Arzt groß. Wie können Eltern den Pädiatern in dieser Situation helfen?

Bode: Das Wichtigste ist, dass man den Kindern nichts verschweigt und nicht kommentarlos über sie herfällt. Stattdessen sollte man ihnen altersentsprechend und realistisch erläutern, was man mit ihnen vorhat.

ZEIT: Was heißt das genau?

Bode: Auf keinen Fall sollten Eltern zum Beispiel sagen, dass eine Spritze gar nicht wehtut, obwohl sie wissen, dass das Kind Schmerzen haben wird. Ebenso falsch wäre es aber auch, die Kleinen zu warnen, dass es gleich sehr wehtun wird. Das verstärkt nur die Angst. Zumal alles, was heute in einer Kinderarztpraxis passiert, von der Blutabnahme bis zur Impfung, nicht so ist, dass man es nicht ertragen könnte.

ZEIT: Hat sich der Umgang der Eltern mit ihren kranken Kindern in den letzten Jahren verändert?

Bode: Ja, sehr. Zum einen haben sie weniger Zeit für die kranken Kleinen, klagen über Stress im Arbeitsalltag. Zudem gehen sie rascher und häufiger zum Arzt als früher – und erwarten eine schnelle Gesundung des Kindes. Vor allem Mütter fürchten um ihren Arbeitsplatz, wenn sie wegen ihres kranken Kindes zu Hause bleiben müssen. Den Eltern fehlt der soziale Rückhalt, die Oma zum Beispiel, die nicht nur im Notfall helfen kann, sondern die auch aus eigener Erfahrung weiß, ob das Kind tatsächlich ernsthaft krank ist. Viele Eltern kennen keinen Wadenwickel mehr, um Fieber zu senken. Oder sie wissen nicht, dass Pfefferminzöl auf der Stirn gegen Kopfschmerzen helfen kann.

ZEIT: Dafür behandeln viele Eltern heute ihre Kinder lieber mit alternativen Heilmethoden als mit Therapien der modernen Schulmedizin.

Bode: Das stimmt. Wir haben vor Jahren eine Studie bei unseren eigenen Patienten durchgeführt. 40 Prozent aller Kinder wurden von ihren Eltern auch mit alternativen Methoden behandelt. In Wahrheit dürften es weit mehr sein. Man kann davon ausgehen, dass im Laufe der Kindheit mindestens jedes zweite Kind alternativmedizinisch behandelt wird.

ZEIT: Wie gehen Sie damit um?

Bode: Wir sollten uns dem nicht verschließen, solange die Therapie nicht schadet und den Geldbeutel der Eltern nicht übermäßig strapaziert. Im Gegenteil: Ich ermuntere Eltern, offen über ihre Sorgen zu reden – zum Beispiel, dass das Kind noch nicht krabbelt. Wir nehmen dann zur Kenntnis, dass sie es bei einem Osteopathen behandeln lassen, sagen aber auch ganz klar, dass wir die Behandlung für unnötig halten.

ZEIT: Eine andere beliebte Alternativtherapie ist die Homöopathie. Man spricht bereits von der »Globulisierung« der Pädiatrie, weil viele Mütter und Väter auf die Globuli, die kleinen Kugeln der Homöopathen, schwören. Was halten Sie davon?

Bode: Ich betreue viele Patienten mit Epilepsie, die neben der schulmedizinischen Therapie noch mit Homöopathie behandelt werden. Und dagegen spricht aus meiner Sicht nichts, auch wenn es keine wissenschaftliche Studie gibt, die eine Wirkung sicher nachweisen konnte. Allerdings darf damit keine medizinisch notwendige Behandlung verhindert werden. Wenn ein Kind mit epileptischen Anfällen statt antiepileptischer Medikamente nur eine alternative Therapie bekäme, wäre das fast ein Verbrechen. Besonders kritisch sehe ich aber auch manualtherapeutische Behandlungen im Bereich der Halswirbelsäule. Ich habe in unserer Praxis Säuglinge gesehen, bei denen der Hals nicht fachkundig oder zu heftig traktiert wurde und es zu Blutungen im Gehirn oder im Bereich des Rückenmarks kam. Natürlich sind das katastrophale Einzelfälle, aber man muss Eltern davor warnen.

ZEIT: Oft erzählen Eltern den Kinderärzten aber nichts von den alternativen Therapien. Wie kann der Mediziner mehr Vertrauen schaffen?

Bode: Er muss deutlich machen, dass man auch als Schulmediziner nicht für jede Krankheit ein probates Mittel zur Hand hat. Er darf sich zudem nicht gekränkt fühlen, wenn er erfährt, dass die Eltern auch alternative Heilmethoden anwenden möchten. Diese Souveränität müssen viele Ärzte noch erlernen. Ich selbst frage Eltern immer explizit danach, welche Therapeuten sie sonst noch aufsuchen, was sie sonst noch gemacht haben. Oft erzählen sie dann erleichtert von ihren Sorgen.

ZEIT: Was ist eine typische Sorge der Eltern?

Bode: Sie berichten etwa, dass ihr Kind Wahrnehmungsstörungen habe, wie es so schön heißt.

ZEIT: Was verbirgt sich dahinter?

Bode: Das ist ein Begriff, der von Ergotherapeuten verwendet wird, unter Kinderärzten aber sehr umstritten ist. Damit werden Kinder beschrieben, die Schwierigkeiten haben, sich zum Beispiel selbst in einem Raum adäquat wahrzunehmen. Ein Kind kann zum Beispiel nur von einer Leiter springen, wenn es weiß, wie groß der Abstand vom Boden ist.

ZEIT: Ist diese Störung ernst zu nehmen?

Bode: Das ist nicht wie bei einem Knochenbruch, bei dem der Knochen eindeutig gebrochen ist. Wir haben fließende Übergänge und – das wird heute häufig vergessen – unterschiedliche Entwicklungen bei Kindern. Es gibt immer Kinder, die tollpatschiger sind als andere, aber damit sehr gut leben können. Aber es gibt auch welche, die sind so ungeschickt, dass ihre Gruppenfähigkeit nachhaltig beeinträchtigt ist. Ein Kind, das im Kindergarten nie mitspielen kann, weil es Angst hat, auf eine Schaukel zu steigen, kann erhebliche soziale Probleme bekommen und seelisch leiden. Da müssen wir eingreifen. Doch wird leider häufig therapiert, obwohl es nicht nötig wäre. Dann stigmatisieren wir Kinder ohne Grund.

ZEIT: Was würden Sie besorgten Eltern stattdessen empfehlen?

Bode: Ich würde ihnen vor allem zu mehr Gelassenheit raten. Kinder brauchen Eltern, die ihnen Sicherheit geben, Mütter und Väter, mit denen sie reden können, die ihnen das Gefühl geben, so wie sie sind, wertvoll zu sein. Und sie brauchen natürlich Eltern, die Zeit haben. Das ist ja das Anstrengende beim sonst sehr schönen Elternsein.

Die Fragen stellten M. Spiewak und A. Viciano

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