Es gibt nur wenige Waren, die im Grunde keiner braucht, aber alle haben wollen. Handgefertigte Schuhe zum Beispiel. Auch wenn sie viel Geld kosten: Stetig mehr Kunden – und nicht nur die ganz Reichen – entdecken den Wert von gediegenem, fußgerechtem Schuhwerk. »Es geht aufwärts mit der Handarbeit«, sagt Helmut Farnschläder, der Präsident des Deutschen Schuhmacherhandwerks. Entsprechend wächst die Zahl jener Schuhmacher und Manufakturen, die sich aufs klassische Handwerk besinnen und in Eigenregie wieder »Schuhe selbst bauen«, wie sie das nennen.

Fast 5000 Schuhmacher gibt es heute noch in Deutschland, dazu ein Dutzend Manufakturen. Jeder Meister hat seine eigene Methode. Und meist kostet das Paar Schuhe dann mindestens 800 Euro.

Maßschuh und Moderne verbinden will die Schuhe nach Maß GmbH aus Münster, die im Internet als »Massschuh.de« auftritt. Die Firma sucht Verbündete mit dem Ziel, handgemachte Maßschuhe mittels modernster Technik auf ein Preisniveau von 600 Euro zu drücken. Dabei werden die Füße mit einem Scanner vermessen, die Daten fließen online an eine Leistenfabrik. Dort wird der individuelle Holzleisten passgenau auf einer computergesteuerten Fräse gefertigt. »Die Bearbeitung der Leisten reduziert sich um eine Stunde«, sagt Verbandschef Farnschläder. Fabriziert wird bei Meistern oder in Manufakturen, die der Gesellschaft angeschlossen sind. Recht teuer ist allerdings die Technik: von 7000 bis zu 20000 Euro reicht die Spanne für Fuß-Scanner und Software.

Andreas Baumbach aus Wiesbaden hat das Warenzeichen Blakebest gegründet – benannt nach dem britischen Erfinder einer Spezialnähmaschine. Er will beweisen, dass hochwertige Schuhe auch maschinell genäht werden können. Dadurch sind sie preiswerter (ab 490 Euro). Baumbach fertigt vorwiegend Kleinstserien im Baukastensystem, entsprechend spricht er statt vom Maßschuh vom »Passschuh«.

Da er viele Schäfte, also komplette Oberteile, günstig aus Italien bezieht, aber den Rohleisten selbst bearbeitet, verkauft er »jetzt zehnmal so viele Schuhe wie vorher«. Sein »Blakebest-Verfahren« bietet Baumbach gegen eine Lizenzgebühr anderen Schuhmachern an. 23 Kollegen sind bereits Teil seiner »virtuellen Genossenschaft«. Ein Tageskurs reicht, um ihnen den Umgang mit der Maschine beizubringen.

Weit rationeller als reine Handwerker schustern Manufakturen. Wie lukrativ diese Grenzgänger zwischen Maßschuh und Masse sind, haben inzwischen auch Manager aus ganz anderen Branchen entdeckt und legen ihr Geld in den kleinen Firmen an. Jüngstes Beispiel: die Heinrich Dinkelacker GmbH im württembergischen Bietigheim. Bei diesem 1879 gegründeten Konfektionär stiegen 2004 der ehemalige IBM-Manager Norbert Lehmann sowie Porsche-Chef Wendelin Wiedeking ein. Die Modelle der Dinkelacker-Kollektion entstehen in Bietigheim. Nur vier Mitarbeiter arbeiten in der Zentrale, denn produziert wird in Ungarn. Jeder der 32 Schuster fertigt dort am Tag nur etwa ein Paar, weil fast alles in Handarbeit entsteht. Der Kunde sucht sich einen vorgefertigten Leisten mit der gewünschten Form aus und erhält dann mittels einer handvermessenen Schablone einen auf den Fuß geschneiderten Schuh. Für einen Aufpreis schustert die Manufaktur den Maßschuh auch mit einem individuellen Leisten des Kunden.

Wieder andere Wege geht die Bär Manufaktur. Vor 25 Jahren haben Heike und Christian Bär das Unternehmen in Bietigheim gegründet, heute betreiben sie 26 Geschäfte im In- und Ausland und beschäftigen rund 500 Mitarbeiter. Sie fertigen Schuhe, die den Zehen besonders viel Raum lassen und keine Absätze haben, fast wie beim Barfußlaufen. Allerdings: Vier Fünftel aller Schuhe lassen die Bärs in Indien herstellen – zu groß ist der Kostendruck in Deutschland.