Noch hat sich die Nation kaum von dem Bekenntnis ihres Nobelpreisträgers Günter Grass erholt, als junger Mann bei der Waffen-SS gedient zu haben, da erschüttert ein neuer vergangenheitspolitischer Irrläufer die Öffentlichkeit. Bei dem Konzert zum Gedächtnis der Buchenwald-Opfer, mit dem seit drei Jahren das Kunstfest Weimar regelmäßig eröffnet wird, hielt der Ministerialdirektor Hermann Schäfer, seines Zeichens Vertreter des Kulturstaatsministers, eine Rede, die den Anlass nicht einmal am Rande streifte. Statt der Häftlinge zu gedenken, die den Deutschen zum Opfer fielen, verweilte Schäfer vornehmlich bei den Opfern, die Deutsche während des Krieges und in der Nachkriegszeit brachten.

Eine solche Vertauschung der Rollen von Tätern und Opfern an einem solchen Ort, vorgetragen von einem Amtsträger der Bundesregierung, kann nur die finstersten Befürchtungen wecken. Das Publikum reagierte spontan und entsetzt. Hermann Schäfer, während des Vortrags noch verblendet und wie gelähmt, entschuldigte sich tags darauf mit gewundenen Erklärungen. Sein Vorgesetzter, der Kulturminister Bernd Neumann, wies wenig später alle Vermutungen zurück, hier sei staatlicherseits an eine Revision des Geschichtsbildes gedacht worden. "Die NS-Diktatur und der durch sie verursachte Holocaust sind in ihrer menschenverachtenden grausamen Dimension einzigartig und durch nichts zu relativieren."

Nicht der Staat gibt Anlass zu revisionistischen Befürchtungen

So weit, so gut. Wenn tatsächlich jemand gedacht haben sollte, es könne irgendwo ein Mauseloch geben, durch das die Deutschen ihrer historischen Verantwortung entkommen könnten, um sich ihrerseits als Verfolgte und Opfer der Geschichte darzustellen, dann muss er sich durch alle offiziellen Reaktionen enttäuscht sehen. Und doch – die Rede von Schäfer, als staatliche Entgleisung ein Einzelfall, fügt sich in eine Entwicklung, die in der Gesellschaft keineswegs singulär ist. Der Wunsch, den Schatten der Vergangenheit zu entkommen, zeigte sich noch am harmlosesten in dem schwarz-rot-goldenen Fahnenmeer, das während der Fußballweltmeisterschaft das Land durchwogte. Törichte Beobachter meinten sogar, in diesem unbefangenen Fußballnationalismus den letzten Beweis einer geglückten Entnazifizierung erkennen zu können.

Es gibt aber auch eine neue Unbefangenheit, deren Pointen Rechthaberei und Hartherzigkeit sind. Sie lässt sich gut an den aktuellen Protesten studieren, die sich gegen eine Rückgabe von Kunstwerken an Verfolgte des Naziregimes richten, insbesondere wenn die Bilder prominent sind und im Falle des Berliner Kirchners die Marktpreise enorm. Die staatlichen Regelungen sind großzügig und gehen grundsätzlich von Nötigung und Bedrohung jüdischer Kunstbesitzer nach 1933 aus. Die gesellschaftlichen Reaktionen dagegen sind weniger großzügig. Sie sind nickelig und argwöhnisch, sie wollen für jede Verfolgung einen Beleg und arbeiten mit der heimlichen Unterstellung, dass Juden sich an deutschem Kulturerbe bereichern. Auch die gröbere deutsch-polnische Missstimmung geht nicht auf die deutsche Staatsregierung zurück, sondern auf gesellschaftliche Organisationen wie die Vertriebenenverbände oder auf private Firmen wie die ominöse Preußische Treuhand, die deutsches Land in Polen zurückfordert.

Es ist die Gesellschaft, in der es gärt und fault

Dieser Stimmungswandel hat einen Vorlauf, und er liegt tatsächlich dort, wo Schäfer in seiner Rede den fatalen Punkt gemacht hat. Es ist die dramatisierte Erinnerung an die deutschen Kriegsopfer. Sie begann mit dem Buch von Günter Grass – wie auch immer politisch untadelig – über den Untergang des Flüchtlingsdampfers Wilhelm Gustloff und setzte sich fort in den Büchern Jörg Friedrichs über die deutschen Bombennächte, in denen metaphorisch schon die Erstickungsopfer der Phosphorbrände mit den Gasopfern der Konzentrationslager verglichen wurden. Wenig später setzte die sächsische NPD den Begriff des "Bombenholocaust" in Umlauf.