Alles ist gesagt und geschrieben worden über den ersten live übertragenen Massenmord der Geschichte. Eine Milliarde Fernsehzuschauer sahen am 11. September 2001, wie in New York die Türme des World Trade Center einstürzten; seither wurden die Bilder immer wieder gezeigt – als gelte es, voyeuristische Gewaltfantasien zu befriedigen. Die weltpolitischen Folgen des Verbrechens sind jedoch gravierender als die Katastrophe selbst.

Gewiss, das Attentat hat Amerikas Gefühl der Unverwundbarkeit erschüttert. Doch es hat weitaus größeres Unheil über das Universum des Islams gebracht und das Ansehen einer ehrwürdigen Weltreligion diskreditiert. Die mehr als 200.000 afghanischen und irakischen Toten im Gefolge der amerikanischen Reaktion hatten die Drahtzieher um Osama bin Laden wahrscheinlich nicht auf ihrer Rechnung. Und es werden immer mehr. Der Irak zerfällt im Bürgerkrieg. Der jüngste Libanon-Konflikt ist ohne die Vorgeschichte des 11. September nicht vorstellbar. Die Türkei droht mit einer Intervention in Iraks kurdischem Norden. Im Zufluchtsland bin Ladens, in Pakistan, steht das Schicksal des Diktators Pervez Musharraf auf Messers Schneide – nach ihm kämen islamische Fundamentalisten an die Macht. Sie verfügten dann über Atombomben.

Wie einst der Anschlag in Sarajevo im Jahr 1914 könnten die Mordflüge von New York und Washington als Initialzündung eines Megakonflikts in die Geschichte eingehen. In einer historischen Ursachenforschung würde die strategische Selbstschwächung der Ordnungsmacht Amerika im Irak eine genauso wesentliche Rolle spielen wie die atomare Großmannssucht des bisher einzigen Siegers im Schatten von Nine Eleven, des iranischen Präsidenten Ahmadineschad.

Die Erdgeschichte hat den Nahen Osten mit den größten Ölvorkommen der Welt gesegnet. Der Reichtum blieb den arabischen Eigentümern – bis auf lächerliche Pachtzahlungen – jahrzehntelang vorenthalten. Ihn zu fördern waren sie nicht imstande. Der technisch-ökonomische Fortschritt des Westens war an den Menschen der Region vorbeigelaufen. Immerhin: Zwei grausame Weltkriege fanden woanders statt. An deren Ende stand ein politischer Rückzug der Europäer auf sich selbst und ihr eigenes Territorium – und auf die endlich friedensstiftenden Lehren zweier Kriege. Aber anders als in Indien hinterließ der britische und französische Kolonialismus im Nahen Osten keine tieferen demokratisch-institutionellen Spuren – bis auf die Gründung des im Kern europäischen Staates Israel.

Im Antimodernismus der arabischen Welt von heute verbergen sich ganz offenkundig Selbsthass und ein Gefühl der Demütigung der politischen Klasse angesichts der eigenen epochalen Rückständigkeit mitsamt einer bestürzend mittelalterlichen Rechtspflege, Folter inklusive.

Der Islam schien eine Religion politischer Verlierer geworden zu sein – bis muslimische Widerstandskämpfer mit amerikanischen Raketen und saudi-arabischen Milliarden die sowjetischen Invasoren aus Afghanistan vertrieben. Es war die Geburtsstunde von al-Qaida unter Osama bin Laden, der sich als 17. von 57 Kindern eines saudischen Baulöwen den afghanischen Mudschahedin als Finanzier angedient hatte.