Älter als das Gammelfleisch aus Bayern ist nur eines: der Ruf nach besseren Kontrollen und härteren Strafen. So war es schon vor einem Jahr, als ein Großhändler Schlachtabfälle an eine Wurstfabrik verkaufen wollte. Und so war es bei all den Skandalen zuvor. Nun fordern Politiker und Verbände ein schärferes Strafrecht, während Verbraucherminister Horst Seehofer die Justiz mahnt, härter durchzugreifen.

Gefängnisstrafen sind heute schon möglich, allenfalls die Beweislage ist problematisch. Vielleicht fordert ja deshalb bald jemand, alle Dönerbuden mit Videokameras zu überwachen. Die Frage, warum Lebensmittelskandale hierzulande fast immer mit Fleisch zu tun haben, wäre auch damit nicht beantwortet.

Verseuchtes Viehfutter, gruselige Arbeitsbedingungen in Schlachthöfen, skrupellose Großhändler: Das alles kann mit Kontrollen und Strafen zwar bekämpft, aber nicht besiegt werden. Das Lebensmittelrecht provoziert Geheimniskrämerei. Sobald Probleme auftauchen, wird verdorbene Ware unauffällig aus den Regalen geholt. Man nennt das "stillen Rückruf". So bleibt Verbrauchern verborgen, dass es die Kontrolleure nicht mehr nur mit wenigen schwarzen Schafen zu tun haben, sondern mit ganzen Schafherden. In Bayern etwa wird jede dritte Fleischprobe bemängelt. Was in Dänemark undenkbar wäre, ist hier die Regel: Die Namen der Vertuscher bleiben geheim, nur selten werden Details bekannt.

Gut und Böse sind kaum auseinander zu halten. Weil die Konsumenten zu wenig über die Hersteller wissen, fehlt in der Fleischbranche jeder Anreiz für Wettbewerb. Markenfleisch ist nahezu unbekannt. Schwein, Pute und Rind kommen meist in namenlosen weißen Plastikschalen daher, das Fleisch liegt in Kühltheken oder rotiert anonym auf Grillspießen. Einziger Unterschied ist der Preis.

Welches Unternehmen investiert schon Millionen von Euro in den Aufbau einer Marke und gibt damit ein Qualitätsversprechen ab, wenn seine Bemühungen von der Politik und sogar von der eigenen Lobby torpediert werden? Selbst die Agrar-Marketingorganisation CMA trichtert Verbrauchern seit Jahren ein, alles Fleisch wäre mehr oder weniger gleich gut. Gleichmacherei aber ist der Boden, auf dem die Kriminalität wuchert wie Schimmel auf einem alten Mettbrötchen.

Wer einen Namen zu verlieren hat, der hat auch ein ökonomisches Interesse daran, ihn rein zu halten. Das zeigen die freiwilligen Rückrufaktionen aus der Auto- oder Computerindustrie. In der Fleischbranche aber wartet man traditionsgemäß ab: Entweder bemerkt niemand etwas, oder die Aufregung legt sich von allein. Irgendwann ist schließlich jedes Problem gegessen.

Verbraucherminister Seehofer wirft seinen Länderkollegen nun vor, Föderalismus sei gesundheitsschädlich. Da ist etwas dran, zumal die Bayern seit sechs Monaten von dem Gammelfleisch gewusst – und nichts unternommen haben sollen. Trotzdem sollte Seehofer seine eigene Verantwortung nicht verschweigen.