Die deutsche Geschichte ist bekanntlich wieder in Bewegung geraten. Die Devise lautet: Weg mit der Fokussierung auf die unheilvollen zwölf Jahre des Naziregimes. Deutschland kann so schön sein. Oder: Weg mit der Fokussierung auf die Opfer der anderen, wir hatten unsere eigenen.

Oder: Mitteleuropa nach 1918 ist ein Sumpf, in dem alle alles zugleich sind, Opfer und Täter.

Diese Auslöschung der Geschichte im Namen der Geschichte hat ihre eigene Logik, die sich leider auch in der großen Berlin-Magdeburger Ausstellung über das Heilige Römische Reich Deutscher Nation niederschlägt. Sie setzt auf ältere Epochen als Quell eines neuen Patriotismus. Die Logik der Auslöschung ist übrigens nicht zu verwechseln mit der berühmten Schlussstrichforderung. Sie ruft auch nicht zur historischen Ignoranz auf. Sie sucht vielmehr den größeren Rahmen der Geschichte. Ein Beispiel gab schon vor Wochen die umstrittene Berliner Vertriebenenausstellung, die deutsche Flüchtlinge in einen Kontext brachte mit allen Vertreibungsopfern des 20.

Jahrhunderts. Die Gleichheit der Opfer verwischt Ursache und Wirkung und damit am Ende auch die Spuren der Geschichte. Alle Bemühungen der historischen Forschung, Ursachen der Leidensgeschichten des 20.

Jahrhunderts differenziert herauszuarbeiten, lösen sich im Rauch der Opferfeuer auf. Schweigen wir über den ungeschickten Versuch eines Geschichtspolitikers des Bundes, das Buchenwald-Gedenken für NS-Opfer mit diesem Globalopferkult zu konfrontieren. Wenden wir uns lieber den lichten Seiten der schönen neuen Geschichtswelt zu.

Zu ihr soll nun offenbar auch die Geschichte des ersten, des tatsächlich tausendjährigen Deutschen Reiches gehören. Aber sichert diese Reichsgeschichte wirklich eine fröhliche neue deutsche Identität? Eine Antwort könnte die Doppelausstellung zum 200. Todestag des Alten Reiches geben, die Magdeburg und Berlin für einen Jubiläumsaugenblick ganz gegen den Lauf der Geschichte zusammenbindet.

In Magdeburg, der Hauptstadt des ottonischen Reiches, spielt angemessen seine mittelalterliche Fassung über das Heilige Reich der Staufer bis zum Römischen Reich deutscher Nation der Habsburger.