Sprinter-Fahrer haben einen schlechten Ruf. Denn das sind Leute, die es immer eilig haben: Kuriere, Paketboten, Blumenlieferanten, die Handwerker vom Klempner-Notdienst. Und ihre Sprinter von Mercedes-Benz – es gibt sie als Kleinbusse, als Transporter oder Lastwagen – sind schnell. Sie brettern locker mit 150 Sachen über die Autobahn. So sind in den letzten Jahren ein paar spektakuläre Unfälle passiert. Und die Firma Daimler hatte ein Problem.

Wenn Autohersteller ein Problem haben, dann geben sie ihrer Entwicklungsabteilung viele Aufträge. Sie taufen die Ergebnisse auf interessant klingende Namen und laden ein paar hundert Journalisten ein, um ihnen alles zu erklären.

"Adaptive ESP" zum Beispiel. Wenn ich es richtig verstanden habe, dann ist damit ein Computersystem gemeint, das irgendwo tief im Auto dafür sorgt, dass ich den Sprinter nicht umwerfen kann, sosehr ich mich auch bemühe. Ich gebe in engen Kurven Gas und noch mehr Gas, ich verreiße bei Höchstgeschwindigkeit das Lenkrad, ich fahre einen verrückten Slalom zwischen rot-weiß-roten Hütchen; ich kurve nämlich mit den Journalistenkollegen über einen Verkehrsübungsplatz, wo alle Menschen und Gegenstände, die ich gefährden könnte, hinter massiven Barrieren geschützt sind. Aber jedes Mal, bevor es brenzlig wird, passiert irgendetwas auf dem komplizierten Weg zwischen mir und den Rädern. Das Auto nimmt einfach Gas weg, es bremst – und beschleunigt wieder, kaum dass die Gefahr gebannt ist.

Adaptive ESP steht für "sich selbst anpassendes elektronisches Stabilitätsprogramm", und das Copyright-Zeichen bedeutet wohl, dass es ein Ding mit einem so schönen Namen bisher nur in Fahrzeugen von Daimler-Chrysler gibt. Das Adaptive ESP® besteht aus Antiblockiersystem, Antriebs-Schlupfregulierung, elektronischer Bremskraftverteilung, hydraulischem Bremsassistenten, Roll Over Mitigation, Roll Movement Intervention, Understeering Control, und ich stelle mir vor, dass es irgendwo in Untertürkheim eine Unter-Entwicklungs-Abteilung "Schnittige Wörter" gibt, die sich all das ausdenkt. Zuvor aber müssen ein paar hundert Ingenieure und andere Freaks einen Computer ausgetüftelt haben, der nicht nur den Straßenzustand misst und einkalkuliert, Gewicht und Schwerpunkt meiner Zuladung, sondern zugleich auch noch meinen Charakter. Denn Choleriker mit entsprechendem Fahrstil werden tatsächlich frühzeitiger abgebremst als Phlegmatiker. Meine Bewunderung für Fachleute, die so ein Wunderwerk konstruieren können, ist grenzenlos.

Und das Adaptive ESP® ist nicht mal die einzige (Image-)Verbesserungsmaßnahme. Von den Außenspiegeln des neuen Sprinter schwärmen die Werbetexter wegen des "serienmäßig ins Spiegelgehäuse integrierten Zusatzspiegels mit asphärischem Glas" ("die Rück-Sicht fällt deshalb in jeder Beziehung leicht"). Als Sonderausstattung werden eine Rückfahrkamera und eine "Parktronic" angeboten. Jeder Unternehmer, der einen Sprinter kauft, kann seinen Fahrer zu einem kostenlosen Sicherheitsfahrtraining schicken. Und in der Entwicklungsabteilung "Fühlen und Fahren" hat man offenbar entdeckt, dass nur ein glücklicher Sprinter-Fahrer ein rücksichtsvoller Sprinter-Fahrer ist: die Türfächer sind groß genug für große Getränkeflaschen, die Klimaanlage kühlt bei Bedarf sogar das Handschuhfach.