Diese Bilder ergreifen, sie fesseln, sie machen uns zu Geiseln, halten uns fest vor dem Bildschirm, der wieder und wieder dasselbe zeigt: den herbstblauen Himmel, zwei gleißend weiße Türme, dann ein Flugzeug, das hineinschießt ins Hochhaus und es wie eine Fackel entzündet, giftig-schwarz der Qualm über Manhattan.

Viele sprachen damals von der Macht dieser Bilder, doch worin eigentlich lag ihre Macht? Vermutlich in ihrem kalten Schrecken. Es war nicht der Schrecken, den das Fernsehen sonst vom Krieg und von den Krisen zeigt. Keine Hungerleiber, keine abgehackten Beine, keine Leichenberge, nur Himmel, zwei Türme, ein Flugzeug. Ein abstraktes Bild. Ein Emblem des Horrors, das keinen Horror zeigt.

Was, wenn schon die ersten Bilder des Terroranschlags blutüberströmt gewesen wären, das Ersticken im Inneren der Türme gezeigt hätten, die Ohnmacht und Hysterie der Eingeschlossenen? Dann wären sie nie eine Chiffre geworden. Keine Chiffre des Triumphs für die Terroristen und ihre Anhänger. Und für die Gegner der Terroristen nicht die Chiffre einer neuen Gefahr, die überall lauert und schier unfassbar zu sein scheint. Unfassbar wie diese Bilder, die dem Leiden kein Gesicht geben.

Für den Westen war es die denkbar größte mediale Zumutung: Alles zu sehen und nichts zu erkennen. Zurückgeworfen zu sein auf die inneren Bilder. Den Schrecken sich selber ausmalen zu müssen. Der eigene Kopf plötzlich ein Zentrum des Terrors.

Die Terroristen hatten es so geplant. Sie inszenierten eine Katastrophe vor laufender Kamera, die Welt sollte dabei sein, in Echtzeit. Der Terror wurde unmittelbar und blieb doch entrückt, die Katastrophe war real und irreal, selbst die Menschen, die aus den Türmen sprangen, wirkten nur wie Strichmännchen. Das lag daran, dass die Terroristen dem Fernsehen ihren Blick aufzwangen. In diesem Blick gibt es kein Leiden, kein Blut, weder Täter noch Opfer. Es geht einzig um das Zeichen, das niemand mehr vergessen soll.

Dieses Zeichenhafte entrückt die Gewalt in weite Ferne, so wirkt sie erhaben und überzeitlich; und paradoxerweise rücken die Bilder dem Betrachter gewaltig nahe, brennen sich ein.

Dieses Einbrennen heißt in der Sprache der Werbeleute Branding. Auch sie suchen nach Bildern, nach Chiffren, die von allen Menschen verstanden werden und unvergesslich sind. Da sind hochgebildete Ethnologen, Wahrnehmungsforscher, Kulturwissenschaftler beschäftigt, für neue Produkte global gültige Logos zu entwickeln. Den Terroristen gelang das auf Anhieb und ohne den Rat einer Marketingabteilung: Sie setzten ein Weltzeichen, sie gehorchten den Regeln der Medien, sie bedienten die Aufmerksamkeitsmaschine. Also taten sie das, was sie eigentlich bekämpfen wollten.