Die Mitbestimmung ist etwas Gutes und Nützliches, darüber sind sich die meisten einig. Doch wie sie in Zukunft aussehen soll, wie man sie weiterentwickeln muss in einer globalisierten Welt, darüber hat der Streit gerade erst begonnen. Dabei haben sich die Begründungen, die für sie ins Feld geführt werden, gründlich verändert.

In Situationen ausgeprägter Klassenspannung hatte man sie gern mit warnendem Blick auf die radikale Linke als ein Mittel empfohlen, um den sozialen Frieden zu bewahren. In den zwanziger Jahren wurde sie von reformistischen Gewerkschaftern als Kernstück der Wirtschaftsdemokratie und als Antrieb auf dem Weg in eine nachkapitalistische Wirtschaftsordnung gefordert. Nach 1945 galt sie ihren Befürwortern auf der Linken als Hebel der wirtschaftlichen Demokratisierung und als ein Mittel, um die Entwicklung der politischen Demokratie in der jungen Bundesrepublik abzusichern. Für andere war sie Ausdruck gleichberechtigter Sozialpartnerschaft zwischen Arbeit und Kapital. Stark an Boden gewann zuletzt das Argument, dass sie die wirtschaftliche Effektivität steigert, indem sie die Arbeitnehmer stärker motiviert und deren Bindung ans Unternehmen festigt.

Auch die Argumente gegen die Mitbestimmung haben sich geändert. Sie sind heute weniger leidenschaftlich als früher, da viele Unternehmer in ihr einzig eine Fessel um ihre unternehmerische Tatkraft und Freiheit sahen.

Das Wort Mitbestimmung selbst setzte sich übrigens erst in den fünfziger Jahren durch. Doch die Geschichte dieser Einrichtung ist natürlich viel älter, wenn auch nicht so alt und ehrwürdig wie die anderer Institutionen der industriellen Arbeitswelt. Meint man mit dem Wort Mitbestimmung streng lexikalisch die gemeinsamen Einwirkungen der Arbeitnehmer in Betrieben und Unternehmen auf die sozialen, wirtschaftlichen und personalpolitischen Entscheidungen der Leitungen in kontinuierlicher Form, so fehlte sie im 19. Jahrhundert noch fast ganz. Doch immer wieder gab es Vorschläge in dieser Richtung. Vor allem in den Schriften christlicher, liberaler, auch konservativer Reformer wurde sie diskutiert, auf sozialistischer Seite eher selten.

Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelten sich zusammen mit betrieblichen Krankenkassen und anderen unternehmenseigenen Sozialleistungen erste Arbeiterausschüsse, vor allem in mittleren Betrieben. Oft richtete sich ihre Gründung implizit gegen die Gewerkschaften - durchweg besaßen sie geringe Kompetenz. Als freiwillige Einrichtungen der Unternehmen konnten sie jederzeit wieder zugemacht werden. Nur im preußischen Bergbau wurden 1905 per Gesetz Arbeiterausschüsse obligatorisch.

Die meisten Industriellen, ob sie nun Krupp oder Siemens hießen, hielten wenig davon - sie wollten Herr im Hause bleiben. Aber auch die Sozialdemokraten konnten mit solchen Ausschüssen wenig anfangen. Ihr Vorsitzender, August Bebel, sprach 1889 verächtlich vom scheinkonstitutionellen Feigenblatt, mit dem der Fabrikfeudalismus verdeckt werden soll.

Der Erste Weltkrieg sorgte auch hier für einen entscheidenden Umbruch.