Der schwer Erziehbare

Auf dem Ölbild im Hintergrund sammelt ein verhärmtes Hutzelweiblein Kartoffeln in einen Jutesack, davor sitzt ein wahlkampfgebräunter Klaus Wowereit am Konferenztisch, die Beine lässig ausgestreckt. In seinem Dienstsitz im Roten Rathaus oder zu Hause würde er sich so einen Schinken nie aufhängen, da gibt es moderne Kunst von Fetting oder Heiliger, aber er ist ohnehin fast nie hier, in seinem Büro im Abgeordnetenhaus, also hat er das Bild hängen lassen. Es stört ihn nicht. Ihn stört ohnehin nicht viel. Der Regierende Bürgermeister von Berlin ist ein zufriedener Mensch. Manchmal wirkt er wie ein gleichmütiger Kater, man weiß nie, ob er gleich einschläft oder die Krallen ausfährt. Jetzt huscht ein sibyllinisches Lächeln über sein Gesicht.

Eine Umfrage sah ihn neulich auf Platz fünf der bundesweit beliebtesten Politiker. Prompt kündigte Wowereit in einem Interview an, er wolle sich mehr bundespolitisch engagieren. In der SPD stieß das nicht auf ungeteilte Freude, aber Wowereit konnte sich darauf verlassen, dass ihm niemand widersprechen würde im Wahlkampf. Seither wird spekuliert. Wie hat er das gemeint? Will er Vizebundesvorsitzender werden, Parteichef oder gar Kanzlerkandidat?

Ich schließe nicht aus, dass ich mich als Parteivize bewerbe, aber ich brauche das nicht. Ich gehe nicht hausieren und sammle Truppen, sagt Wowereit. Aha, will er also gebeten werden? Ach wissen Sie, wenn das für die eine Hälfte eine Befürchtung und für die andere Hälfte eine Hoffnung ist, finde ich das eigentlich ganz gut, sagt er und grinst. Er liebt solche Spielchen. Und er kann sie sich leisten. Ganze fünf Ministerpräsidenten stellt die SPD noch in Deutschland, von manch einem kennt man nicht mal den Namen. Da wird man schnell zum Hoffnungsträger.

Drei Wochen vor der Landtagswahl in Berlin wirkt der Amtsinhaber geradezu unverschämt entspannt. Friedbert Pflüger, sein vom Pech verfolgter Herausforderer von der CDU, ist weit abgeschlagen, es müsste mit dem Teufel zugehen, wenn die SPD nicht wieder stärkste Kraft würde. Die Frage ist nur, ob es noch mal für ein Bündnis mit der PDS reicht oder ob in der Hauptstadt künftig Rot-Rot-Grün oder eine Ampelkoalition regiert. Wowereit lässt alle Optionen offen, nur eine Koalition mit der CDU schließt er aus. Er kann sich jetzt nur noch selbst in die Quere kommen.

Während Pflüger, der Verteidigungsstaatssekretär der Bundesregierung, sich im Wahlkampf immer kleiner gemacht hat und am Ende sogar versprach, lebenslänglich in der Landespolitik zu bleiben, wurde Wowereit immer größer. In Berlin mit der Bundespolitik zu liebäugeln ist zwiespältig, einerseits liebäugelt der Berliner den Größenwahn, andererseits ist er schnell beleidigt, wenn er argwöhnt, jemand wolle etwas Besseres sein. Also muss Klaus Wowereit jetzt erst mal dem Eindruck entgegentreten, das Land Berlin sei ihm vielleicht zu klein geworden. Er steht im tadellosen Nadelstreifen in der Fußgängerzone in Alt-Tegel vor Karstadt, vor dicken Kindern und Damen mit Frottee-Schweißbändern und gibt den Berliner Jungen. Ich kandidiere für fünf Jahre, ich bleibe hier, ruft er unter dem Beifall der Zuschauer. Ein Tourist will wissen, warum der Flughafen Tempelhof dichtgemacht werde, er zum Beispiel komme dort immer aus Dortmund an.

Jaja, pampt Wowereit, wir sind aba hier in Reinickendorf. Das Publikum johlt, eins zu null für ihren Wowi.

Er kann auch anders. Am Kollwitzplatz, im ehemaligen Osten gelegen, solidarisiert er sich mit Günter Grass. Vielleicht sei dessen spätes SS-Geständnis nicht vorbildlich, so Wowereit, aber es sei eben typisch für die gebrochenen Biografien der Deutschen. An keiner Stelle brandet so viel Beifall auf. Geschmeidig bedient der gebürtige Berliner die Stimmungslagen, mal gibt er das Arbeiterkind, dann wieder den Mann von Welt. An einem Punkt endet der Populismus. Allen Berlinern nämlich sagt Wowereit, dass die Stadt nicht weiter über ihre Verhältnisse leben kann, dass es einen Mentalitätswandel brauche. Wir waren ja gar nicht gewohnt, dass Innovation wichtig ist, sagt er. 51 Prozent des Geldes kam aus Bonn, und wenns nicht genug war, dann rief man noch mal an und stellte 100 zusätzliche Leute im öffentlichen Dienst ein. Das ist die Stelle, an der kaum einer klatscht.

Der schwer Erziehbare

Der Sparkurs, den Wowereit der Stadt verordnet hat, hat ihm über die Parteigrenzen hinaus Respekt eingebracht. Selbst Konservative wie Roland Koch schätzen den Berliner als sachkundigen und zuverlässigen Verhandlungspartner. Für ihn sei der Haushalt kein Buchhaltungsthema, sagt Wowereit, sondern elementares Rüstzeug für eine nachhaltige Politik. Doch gerade im Formulieren von Zielen es müssen ja nicht gleich Visionen sein liegt Wowereits Schwäche. Denn etwas anderes als Sparen bleibt in einer mit 60 Milliarden Euro verschuldeten Stadt wie Berlin gar nicht übrig. Sparen wozu also? Die Antwort fällt vage aus, kein Blick über die Stadtgrenze hinaus, keine Idee wird da sichtbar, mit der sich Wowereit als Gestalter für die Republik empfehlen könnte. Für eine offene und tolerante Stadt will er sorgen, Türen öffnen, Platz schaffen für neue Ideen. Er verkörpert die Stadt, aber er prägt sie nicht, sagte die Grüne Renate Künast, die Wowereit aus seinen Anfangszeiten kennt. Könnte er anders, wenn die Haushaltslage der Hauptstadt nicht so katastrophal wäre, oder liefert sie ihm ein Alibi dafür, nicht mehr wollen zu müssen? Man weiß es nicht genau.

Interessiert, aber nicht leidenschaftlich, mit dieser Haltung verfolgt Klaus Wowereit die meisten politischen Debatten. Was also treibt ihn um, wenn er an Deutschland denkt? Die Larmoyanz, dass man das eigene Land nicht annimmt, dass es so viele Politiker sich nicht trauen, Strukturveränderungen anzupacken, sagt er. Und warum trauen sie sich nicht? Weil derjenige, der den Kopf raussteckt aus der offiziellen Linie, so oft rasiert wird, weil wir unsere Politiker so erziehen, sagt Wowereit. Und er? Er sei eben schwer erziehbar, sagt er, der Moment der Nachdenklichkeit ist vorbei, weil ich auch Erfolg damit hatte.

Sein Kontrahent Pflüger versucht, um jeden Preis zu gefallen, Wowereit gefällt, weil er es nicht darauf anlegt, seine Methode ist der kalkulierte Regelverstoß. Sein Bündnis mit der PDS, sein offensives Outing (Ich bin schwul, und das ist auch gut so), sein Eintreten für Ethik statt Religionsunterricht als Wahlpflichtfach (Wowereit ist übrigens Katholik) machen ihn einem Teil des bürgerlichen Publikums, aber durchaus auch der eigenen Partei suspekt.

Da bereite sich einer darauf vor, 2009 gegebenenfalls eine rot-rot-grüne Mehrheit auf Bundesebene anzuführen, wird gemunkelt.

Alles Quatsch, sagt Wowereit. 2009 sei eine Koalition mit der Linkspartei nicht möglich, sagt er, die Partei sei 2009 im Bund nicht regierungsfähig. Es könne aber nicht sein, dass man ein Tabu aufbaue und damit Mehrheiten links von der Mitte auf Jahre grundsätzlich unmöglich macht.

Grau ist er geworden in vier Jahren Rot-Rot, so grau, dass die Opposition das Gerücht gestreut hat, Klaus Wowereit färbe sich die Haare, um seriöser zu wirken. Mit verzweifelter Beharrlichkeit versucht die CDU das Bild des Regierenden Partymeisters aufrechtzuerhalten und das ist auch gut so, findet Wowereit.

Inzwischen müsse er nämlich zu all den Partys gar nicht mehr hin es denken eh alle, dass ich da war.

Der schwer Erziehbare

Während Pflüger versucht, mit Fotos vom Familienglück zu punkten, hat Wowereit das Kunststück fertig gebracht, das Gefühl von Nähe durch das Gegenteil von Privatheit, nämlich geschickt inszenierte Öffentlichkeit zu simulieren. Man weiß, dass er schwul ist, Golf spielt, gerne kocht, dank der regelmäßigen Versteigerung von Wowi-Bären hat mancher Berliner das Gefühl, der Regierende persönlich säße bei ihm auf dem Sofa. Doch in Wahrheit gibt es kein Bild des privaten Wowereit, keine Homestorys, keine Kinderfotos, keine Interviews des Lebensgefährten.

Wenn es um ihn persönlich geht, hält Wowereit sich bedeckt.

Seine Karriere sei das Ergebnis von Prozessen, hat er mal gesagt.

Optionen mehren, bereit sein, im richtigen Moment zugreifen, so kommt man in der Politik nach oben, die wenigsten rütteln an Türen. Wer weiß, welche Prozesse die SPD in den nächsten zehn Jahren mitmacht?

Wer hätte gedacht, dass Kurt Beck mal Vorsitzender sein würde? Also, sagt der Regierende Bürgermeister und setzt sein unschuldigstes Katergesicht auf, in fünf Jahren bin ich im Roten Rathaus. Und in zehn Jahren in Berlin. Präziser kann mans doch nicht sagen, oder?