Der Sparkurs, den Wowereit der Stadt verordnet hat, hat ihm über die Parteigrenzen hinaus Respekt eingebracht. Selbst Konservative wie Roland Koch schätzen den Berliner als sachkundigen und zuverlässigen Verhandlungspartner. Für ihn sei der Haushalt kein Buchhaltungsthema, sagt Wowereit, sondern elementares Rüstzeug für eine nachhaltige Politik. Doch gerade im Formulieren von Zielen es müssen ja nicht gleich Visionen sein liegt Wowereits Schwäche. Denn etwas anderes als Sparen bleibt in einer mit 60 Milliarden Euro verschuldeten Stadt wie Berlin gar nicht übrig. Sparen wozu also? Die Antwort fällt vage aus, kein Blick über die Stadtgrenze hinaus, keine Idee wird da sichtbar, mit der sich Wowereit als Gestalter für die Republik empfehlen könnte. Für eine offene und tolerante Stadt will er sorgen, Türen öffnen, Platz schaffen für neue Ideen. Er verkörpert die Stadt, aber er prägt sie nicht, sagte die Grüne Renate Künast, die Wowereit aus seinen Anfangszeiten kennt. Könnte er anders, wenn die Haushaltslage der Hauptstadt nicht so katastrophal wäre, oder liefert sie ihm ein Alibi dafür, nicht mehr wollen zu müssen? Man weiß es nicht genau.

Interessiert, aber nicht leidenschaftlich, mit dieser Haltung verfolgt Klaus Wowereit die meisten politischen Debatten. Was also treibt ihn um, wenn er an Deutschland denkt? Die Larmoyanz, dass man das eigene Land nicht annimmt, dass es so viele Politiker sich nicht trauen, Strukturveränderungen anzupacken, sagt er. Und warum trauen sie sich nicht? Weil derjenige, der den Kopf raussteckt aus der offiziellen Linie, so oft rasiert wird, weil wir unsere Politiker so erziehen, sagt Wowereit. Und er? Er sei eben schwer erziehbar, sagt er, der Moment der Nachdenklichkeit ist vorbei, weil ich auch Erfolg damit hatte.

Sein Kontrahent Pflüger versucht, um jeden Preis zu gefallen, Wowereit gefällt, weil er es nicht darauf anlegt, seine Methode ist der kalkulierte Regelverstoß. Sein Bündnis mit der PDS, sein offensives Outing (Ich bin schwul, und das ist auch gut so), sein Eintreten für Ethik statt Religionsunterricht als Wahlpflichtfach (Wowereit ist übrigens Katholik) machen ihn einem Teil des bürgerlichen Publikums, aber durchaus auch der eigenen Partei suspekt.

Da bereite sich einer darauf vor, 2009 gegebenenfalls eine rot-rot-grüne Mehrheit auf Bundesebene anzuführen, wird gemunkelt.

Alles Quatsch, sagt Wowereit. 2009 sei eine Koalition mit der Linkspartei nicht möglich, sagt er, die Partei sei 2009 im Bund nicht regierungsfähig. Es könne aber nicht sein, dass man ein Tabu aufbaue und damit Mehrheiten links von der Mitte auf Jahre grundsätzlich unmöglich macht.

Grau ist er geworden in vier Jahren Rot-Rot, so grau, dass die Opposition das Gerücht gestreut hat, Klaus Wowereit färbe sich die Haare, um seriöser zu wirken. Mit verzweifelter Beharrlichkeit versucht die CDU das Bild des Regierenden Partymeisters aufrechtzuerhalten und das ist auch gut so, findet Wowereit.

Inzwischen müsse er nämlich zu all den Partys gar nicht mehr hin es denken eh alle, dass ich da war.