Eine Bastelarbeit aus Holz und Leim löste vor fünf Jahren den heftigsten Disput aus, der die Altertumsforschung in Deutschland bislang erschütterte. Denn in der Ausstellung Troia Traum und Wirklichkeit wurde das spätbronzezeitliche Troja den Besuchern nicht in seiner heutigen Form präsentiert nämlich als 37 Meter hoher Hügel mit dem türkischen Namen Hisarlk , sondern als die einst mächtige Residenzstadt Wilusa und als realer Schauplatz jener Schlachten, die Homer in den 24 Gesängen seiner Ilias schildert.

Eine riesige Unterstadt wollte der damalige Chefausgräber des Ortes, Manfred Korfmann von der Universität Tübingen, gefunden haben. Die spätbronzezeitliche Siedlung Troja sei eine 27 Hektar große Metropole gewesen, die bis zu 10000 Menschen Platz bot. Damit, so argumentierte der Archäologe, war Troja im mittleren und ausgehenden 2. Jahrtausend vor Christus eines der wichtigsten Handelszentren nicht nur Kleinasiens, sondern gar des gesamten Nahen Ostens gewesen.

Solche Größe provozierte Widerspruch. Der ebenfalls in Tübingen lehrende Althistoriker Frank Kolb hielt dagegen, Homers Epos habe eine reine Fiktion beschrieben. Statt einer Stadt habe am Hügel von Hisarlk allenfalls eine Siedlung gelegen ein paar wenige Häuser, die sich an die Burgmauern schmiegten. Von einem urbanen Relikt könne keine Rede sein. Es blieb allerdings nicht bei rein historischen Argumenten. Kolb stellte auch grundsätzlich die Arbeitsweise des Kollegen infrage und warf ihm Irreführung der Öffentlichkeit vor. Auf Symposien und in der Presse trugen die Kontrahenten ihren Streit mit großer Verve aus und schreckten zum Teil auch vor persönlichen Angriffen nicht zurück bis Korfmann im August vergangenen Jahres verstarb. Nun will sein Nachfolger Ernst Pernicka den Streit ein für alle Mal entscheiden.

Er und sein Team haben südlich des Hügels von Hisarlk einen in den Fels gehauenen Graben freigelegt, der vermutlich Teil einer langen Befestigungsanlage rund um die Unterstadt war. Das hieße, dass die Außensiedlung der Stadt mächtig geschützt worden war ein Beweis dafür, dass es dort mehr zu verteidigen gab als lediglich ein paar Hütten an der Mauer des Burgbergs. Zwar hatte bereits Korfmann ein erstes Stück dieses Verteidigungsgrabens entdeckt. Althistoriker Kolb jedoch hatte diesen als schlichten Entwässerungsgraben gedeutet.

Da die bronzezeitlichen Schichten Trojas in den späteren hellenistischen und römischen Epochen kreuz und quer überbaut wurden, hatten die Archäologen um Korfmann die verborgenen früheren Siedlungsspuren selbst mit einem Magnetometer nicht erkennen können.

Pernicka und seine Mitarbeiter waren daher bei der Suche nach den Festungsresten auf Annahmen angewiesen und auf eine gehörige Portion Glück. Außerhalb der Burg stachen sie einen zehn Meter langen Schnitt in die Erde und stießen auf eine verputzte Hauswand aus römischer Zeit. Darüber freuten sich zwar die klassischen Archäologen im Team, es war jedoch noch nicht das, wonach Pernicka gesucht hatte. Also wurde weitergegraben.

Der zweite Angriff auf die Unterwelt war erfolgreich. In zwei Metern Tiefe entdeckten die Grabungsarbeiter ein weiteres Stück jener Struktur, die den Wissenschaftlern bereits von Korfmanns Arbeiten her bekannt war eine Kante des in den Fels gehauenen Befestigungsgrabens. Hätten wir ein paar Meter daneben gegraben, wäre uns das entgangen, sagt Pernicka. So aber ist nun eindeutig geklärt, dass es sich bei diesem Gebilde um eine Verteidigungsanlage handelte, die die Unterstadt schützen sollte.