Bis er Post vom Amt bekam, dachte Wirtschaftsredakteur T., er sei ein rechtschaffener, die Gesetze achtender Bürger. Er spülte seine Jogurtbecher aus und entsorgte Konservendosen und Flaschen in dafür vorgesehene Tonnen und Behälter – Weißglas, Braunglas und Grünglas getrennt. Vor allem aber warf er Papier, der Umwelt zuliebe, nicht einfach weg. Regelmäßig machte er sich auf, den dicken Packen Zeitungen und Zeitschriften unter dem Arm, fünf Stockwerke aus seiner Wohnung im Hamburger Norden hinab, 300 Meter die Straße entlang, bis zum Wertstoffcontainer, damit alles seine deutsche Ordnung hat.

Dann kam der auf grauem Recyclingpapier geschriebene Brief ("Eilt! Terminsache!"), in dem das Bezirksamt Hamburg-Nord, dort die Verwaltungsabteilung des Bauamts, T. mitteilte, er habe ein Verwarnungsgeld in Höhe von 35 Euro zu zahlen. Grund sei eine am 29. Juni 2006 um 12.39 Uhr am Wertstoffcontainerstellplatz in der Nähe seiner Wohnung festgestellte Ordnungswidrigkeit, bewiesen durch Fotos und bezeugt durch die drei Herren Kluppke*, Erzrübel und Wittkoweit, Mitarbeiter des Bezirklichen Ordnungsdienstes Hamburg-Nord (BOD). Sein Vergehen sei es gewesen, Kontoauszüge und ein Schreiben seiner Bank ("versehen mit Ihrer Adresse") neben den Containern in einer widerrechtlich dort stehenden alten Metalltonne entsorgt zu haben. Das "neben" war fett gedruckt, also offenbar eine wichtige Tatsache.

T. gibt an, beim Lesen des Schreibens erst herzlich gelacht und sich dann gefragt zu haben, ob die Herren Kluppke, Erzrübel und Wittkoweit wohl am Wertstoffcontainerstellplatz Wache gestanden hätten und was das ihn als Steuerzahler koste. Er nahm das Angebot des Sachbearbeiters beim Bauamt, Herrn Wallmeier an, in dessen Büro im fünften Stock des Hamburger Bauamts persönlich das Beweismaterial in Augenschein zu nehmen.

Seine Akte war etwa fingerdick. Sie beinhaltete unter anderem drei Kontoauszüge und einen Briefbogen, die in einer Klarsichthülle abgeheftet waren. Dazu enthielt die Akte zwei Beweisfotos, eines von der Tonne, das andere von einem seiner Kontoauszüge. T. fragte Wallmeier, ob das alles wirklich ernst gemeint sei. Im Prinzip ja, antwortete Wallmeier, aber ihm war anzumerken, dass er die Angelegenheit etwas seltsam fand. T. könne ja mit seiner Vorgesetzten Knuth-Hansen sprechen, sagte der Sachbearbeiter. Die Vorgesetzte Knuth-Hansen klärte T. dann darüber auf, dass Gesetz nun mal Gesetz sei und dass es nicht um die Menge des Papiers gehe, sondern ums Prinzip. Auch wenige Blätter gehörten nicht in die Tonne, das sei unrechtmäßig.

Tatsächlich war T. nach Meinung des Amts ja nicht nur wegen der Paragrafen 23 Absatz 1 sowie 72, Absatz 1 Nummer 5 des Hamburgischen Wegegesetzes (HWG) zu belangen, sondern auch wegen der Paragrafen 1 und 19 des Ordnungswidrigkeitsgesetzes (OwiG). In einem zweiten Schreiben, das T. vom Amt erhielt, klärte ihn Wallmeier darüber auf, dass er überdies gegen die Paragrafen 27 Absatz 1 und 61 des Gesetzes zur Förderung der Kreislaufwirtschaft und Sicherung der umweltverträglichen Beseitigung von Abfällen (KrW/AbfG) verstoßen hatte. Der Einlassung von T., der Briefbogen und seine drei Kontoauszüge hätten sich in einer alten Metalltonne gefunden und damit den Weg nicht beschmutzt, wollte Sachbearbeiter Wallmeier nicht folgen. Der Standort der Tonne, so seine Auffassung, gehöre zum öffentlichen Weg im Sinne des HWG, überdies handele es sich bei der Tonne nicht um eine zugelassene Abfallbeseitigungsanlage nach dem KrW/AbfG (Paragraf 27). Somit hätten sich T.s Papiere nicht in der Tonne befinden dürfen, und somit sei er schuldig.

T. hat die Zahlung des Bußgeldes dennoch abgelehnt. Er könne sich beim besten Willen nicht erklären, wie drei seiner Kontoauszüge und ein an ihn gerichtetes Schreiben seiner Bank in die Tonne gelangt seien. Er halte Hamburg aber für die lebens- und liebenswerteste Stadt Deutschlands und habe deshalb vollstes Verständnis dafür, dass seine Wege sauber gehalten werden müssten. Die Antwort der Behörde steht noch aus. Fortsetzung folgt.

* Die Namen aller Amtspersonen wurden geändert

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