DIE ZEIT : Herr Barenboim, Herr Fischer, war Israel schon einmal so bedroht wie heute?

Joschka Fischer : Der israelische Staatsbürger sollte diese Frage zuerst beantworten.

Daniel Barenboim : Israel muss stark sein, weil es sich nicht erlauben kann, einen Krieg zu verlieren. Aber tut Israel alles, was notwendig ist, dass es erst gar nicht zum Krieg kommt? Israel hat viele langfristige strategische Fehler gemacht. Vielleicht fühlt es sich auch deswegen jetzt so bedroht. Jeder militärische Sieg hat Israel in eine politisch und moralisch schwächere Position gebracht. Jedes Mal, wenn Israel geglaubt hat, mit Zerstörung etwas erreichen zu können, war der nächste Gegner noch viel radikaler. 1982 ist Israel in den Libanon einmarschiert, um Arafat und die PLO zu beseitigen. Was haben wir jetzt? Die Hisbollah, die noch viel radikaler ist. Daniel Barenboim BILD

Fischer : Die Bedrohung Israels hat es von Anfang an gegeben. Jetzt kommen neue Bedrohungen hinzu. Die Angriffe mit Raketen bedeuten eine neue Dimension, und im Hintergrund lauert die Gefahr einer nuklearen Bedrohung. Man kann lange über die Vorgehensweise im Libanon diskutieren. Ich glaube, dass Israels Position nicht unbedingt besser geworden ist. Umso wichtiger ist es, jetzt die Möglichkeiten zu nutzen, die der Krieg eröffnet hat. Es muss zu einem Ausgleich mit den Syrern kommen, und Israel muss an den Verhandlungstisch mit den Palästinensern zurückkehren.

ZEIT : Soll Israel auch mit denen verhandeln, die seine Existenz nicht anerkennen?

Barenboim : Man kann die Parteien, die aufgrund ihrer Interessen an dem Konflikt beteiligt sind, nicht von Gesprächen ausschließen. Erst hat die Regierung gesagt, dass sie mit Arafat nicht mehr sprechen will. Sie hat mit ihm gesprochen. Ich erinnere mich, als es hieß, Abu Masin sei irrelevant. Nach der Wahl der Hamas ist Abu Masin der Einzige, mit dem man noch sprechen kann. Jetzt sagen sie, dass sie mit Syrien und mit der Hisbollah nicht reden wollen. Irgendwann werden sie es tun müssen. Ich finde das keine glaubwürdige Politik. Man hat wirklich das Gefühl, dass die israelische Regierung in den letzten 60 Jahren nicht strategisch, sondern nur taktisch gedacht hat.

ZEIT : Das klingt, als habe nur Israel den Ausgleich blockiert und trotzdem nichts für seine Sicherheit erreicht?