Fischer : Ich erinnere an Oslo und das Angebot eines palästinensischen Staates durch Ministerpräsident Barak. Man kann manches daran kritisieren, aber es war im Kern das Angebot eines eigenen Staates. Arafat hat es abgelehnt. Selbst bei meinen taubenhaftesten Freunden von der israelischen Linken gibt es seit damals ein tiefes Misstrauen, ob die Araber Israel jemals akzeptieren werden. Das ist ein großes Problem, Daniel. Arafat und seine Politik hat viel dazu beigetragen, dass eine Position des Ausgleichs in der israelischen Öffentlichkeit weitgehend diskreditiert ist. Joschka Fischer BILD

Barenboim : Ja, aber hätten wir in den letzten 60 Jahren nicht mehr versuchen müssen, die Palästinenser zu überzeugen? Haben wir nicht auch uns selbst gegenüber die Pflicht, die Lebensbedingungen der Palästinenser zu verbessern? Israel ist 1948 eine Nation geworden, für die Palästinenser gilt das nicht. Wir müssen ihnen doch aus einer Situation helfen, in der sie nichts mehr zu verlieren haben. In einer solchen Situation greifen sie natürlich zu Gewalt.

ZEIT : War der Libanon-Krieg, so wie er von Israel geführt wurde, legitim?

Fischer : Wenn ein souveräner Staat gegenüber seinem Nachbarn grenzübergreifend Terrorismus, Entführung und Angriffe von Soldaten zulässt, handelt es sich um feindliche Akte. Damit ist die Frage der Legitimation sehr schnell und sehr klar beantwortet. Inwieweit die israelische Reaktion klug war, ist eine andere Frage. Diese Debatte, ob die Strategie erfolgsorientiert war und ob man es moralisch rechtfertigen kann, wird in Israel gegenwärtig heftig geführt.

Barenboim : Ich finde, es geht nicht nur um die Klugheit, sondern auch darum, was für einen Krieg man geführt hat. Es ist klar, dass es sich zuerst um einen Angriff, eine illegitime Aktion von Seiten der Hisbollah gehandelt hat. Die Frage ist aber, ob man das mit einem Krieg beantwortet, mit der Zerstörung der Infrastruktur und der Zerstörung von so vielen Menschenleben. Ich sehe weder die strategische noch die moralische Begründung dafür.

Fischer : Daniel, gestatte mir zu sagen, dass ich bewusst die Frage der Klugheit angesprochen habe. Du sagtest eingangs zu Recht, dass Israel es sich nicht erlauben kann, einen Krieg zu verlieren. Alle anderen Völker bezahlen für einen verlorenen Krieg einen hohen Preis, aber man erholt sich. Das ist in Israel anders. Für Israel stellt sich deshalb aus seiner existenziellen Situation heraus die Frage eines präventiven Krieges. Damit ich nicht missverstanden werde: Das rechtfertigt nicht jeden Krieg, aber man muss das in die Beurteilung einbeziehen.

Barenboim : Ja, aber die Verteilung kollektiver Schuld, die Israel schon seit Jahren praktiziert, bringt uns nirgendwo etwas. Man hat mehr und mehr das Gefühl, dass der einzige Weg, den Israel im Moment wählt, der ist, alles niederzuschlagen. So werden wir es nicht schaffen.