Barenboim : Ja, aber das funktioniert, weil uns die Musik das erlaubt und weil die Assoziationen anders sind als bei Worten. Die Musik lehrt uns, dass wir uns gleichzeitig selbst ausdrücken müssen. Gleichzeitig, also simultan, muss man zuhören, was die andere Stimme spielt. Das ist das Prinzip. Es funktioniert aber auch, weil wir alle überzeugt sind, dass wir nicht nur in irgendeiner Weise zusammenleben müssen, sondern dass wir den anderen auch als wichtigen schöpferischen Partner sehen. Dann sind wir besser als nur die Israelis, nur die Palästinenser oder nur die Araber.

ZEIT : Ihre musikalische Arbeit nimmt einen israelisch-palästinensischen Ausgleich vorweg. In der politischen Realität sind die Palästinenser seit Wochen fast stumm. Eine neue Kraft ist auf dem Feld. Was kann Israel gegenüber Iran tun, der die Lage momentan anheizt?

Fischer : Ich bin da sehr pessimistisch. Diejenigen, die in Iran heute das Sagen haben, verfolgen hegemoniale Ziele in der Region und in der islamischen Welt. Und je unentschlossener sich der Westen präsentiert, desto konfrontativer wird die Politik Irans. Man muss sich vorstellen, wie der Nahe Osten aussähe, wenn Ahmadineschad Präsident einer Atommacht wäre.

Barenboim : Ich möchte Joschka etwas fragen. Gibt es deiner Meinung nach einen Weg, der zwischen Entschlossenheit und Krieg verläuft? Kann man entschlossen sein, ohne Krieg zu führen? Hätte man entschlossener sein können?

Fischer : Ich meine ja, wenn man bereits beim G8-Gipfel in Sankt Petersburg Mitte Juli die Weichen für einen wirksamen Wirtschaftsboykott gestellt hätte. Wir sollten keine Angst vor einer explosiven Entwicklung des Ölpreises haben, sondern uns darauf vorbereiten. Ich bin mir sicher, dass Teheran dann mit Vorsicht reagieren würde. Die Dinge entwickeln sich aber gerade in die andere Richtung, und die Zeit läuft. Das ist keine Frage allein an Israel, sondern an uns alle.

ZEIT : Kann Israel in diesem Konflikt irgendeine Rolle spielen, oder muss es sich ganz zurückhalten?

Fischer : Israel ist mit seinen existenziellen Sorgen nicht allein. Hier in Europa leistet man sich noch den Luxus, nicht zu begreifen, welche Konsequenzen eine iranische Bombe auch für Europa hätte. Am schlimmsten ist es, dass diese Politik zu einer Herausforderung der USA als Weltmacht führen kann. Dann würden wir alle in einen dunklen Tunnel eintreten, dessen Licht am anderen Ende ich nicht sehe. Deshalb muss alles getan werden, was in unseren Kräften steht. Dabei gewinnen Syrien und auch der Ausgleich mit den Palästinensern eine nicht zu unterschätzende Bedeutung.