Doch indem er alles aufschrieb, konnte er seine Dämonen bannen. Vor einer Feuerwache in Brooklyn steht ein kleiner roter Wagen, wo Kinder und Erwachsene des Viertels mit Gedichten und Blumen und Stoffteddys an die toten Feuerwehrleute erinnern. Immer neue Gedichte treffen ein.

343 Feuerwehrleute kamen am 11. September ums Leben. In mir ist noch immer das Bild dieser Männer, die in den sicheren Tod liefen, während alle anderen ihnen entgegenkamen, auf der Flucht vor Rauch und Trümmern. Noch monatelang lagen Rauch und Staub über Manhattan und Brooklyn. Der Rauch ist vielleicht nie aus den Lungen derjenigen gewichen, die in der Nähe von Ground Zero wohnen. Einige sind daran gestorben, andere noch immer arbeitsunfähig, Opfer eines neuartigen Krieges, in dem Zivilisten an die Stelle von Soldaten treten, auf einem undefinierten Schlachtfeld, das überall und nirgends ist. Es ist vielleicht nicht übertrieben zu sagen, dass New York zur Frontlinie eines sich ständig verändernden Ziels geworden ist, so als könnte der Boden unter unseren Füßen immer wieder wegsacken.

Ein französischer Journalist fragte mich ganz offen, warum ich nicht einen Roman über den 11. September geschrieben hätte. Aber ich habe einen geschrieben, antwortete ich mit einem Lächeln. Erwartet hatte er ein Buch über Osama bin Laden oder über Terroristen in den U-Bahn-Tunneln von Manhattan. Vielleicht ist das die amerikanische Art, einen Weg in den Bauch des Ungetüms zu suchen. Ich dagegen erzählte dem Journalisten von den Trauerklängen, die sich in mein Schreiben eingeschlichen haben, und dass ich die gleiche Tonart auch in den jüngsten Romanen von Don DeLillo und Philip Roth finde oder in den Filmen von Woody Allen, etwa in Match Point, wo ein ehemaliger Tennisprofi einen Doppelmord verübt mit der schizoiden Distanziertheit und Empfindungslosigkeit einer Nach-9/11-Welt, in der wir alle Kriegsopfer sind.

Begegne ich viel Schwermut oder Orientierungslosigkeit, wenn ich mit der U-Bahn durch Manhattan fahre oder durch mein altes Viertel in der Bronx laufe? Keineswegs. Die East Bronx war einmal das Revier von jungen irischen, italienischen und jüdischen Warlords, Sprösslingen einer soliden, aber bettelarmen unteren Mittelschicht. Ich war mit einem solchen Warlord zusammen, als sein Premierminister führte ich Verhandlungen mit anderen Banden. Ich trug knallige Hosen und Armeestiefel. Ich war furchtlos und arroganterweise überzeugt, dass der Rest der Welt nur eine Kopie der East Bronx sei, mit ihren eigenen Warlords, Banden und Revieren. Ich hatte noch nie ein Buch gelesen und sah mich als wilden Burschen, der, abgesehen von dem privaten Vokabular seiner Bande, keine Worte brauchte. Wir brauchten überhaupt nichts. Aber unser Vokabular hätte kapituliert vor dem 11. September und dessen Warlords, die, wenn sie gekonnt hätten, die ganze Stadt ermordet hätten.

Ein Kunstwerk hat unsere innersten Ängste in Kristall gebannt

Ich weiß nicht, wer die heutigen Warlords in der Bronx sind, bin nicht einmal sicher, ob es welche gibt. Mehrheitlich wohnen Latinos und Schwarze dort, es gibt ein paar weiße Enklaven. Vor zehn Jahren hätte man mich zusammengeschlagen, wenn ich allein die Valentine Avenue im Herzen der East Bronx entlanggegangen wäre. Anders im Jahr 2006. Die Spannungen haben sich gelegt, als wäre die Rassenfrage durch den Tod der Weißen und Schwarzen in den Twin Towers irrelevant geworden.

Weiße, Schwarze, Latinos wir alle waren New Yorker, die im selben kleinen Boot saßen, und vielleicht konnte dieses Boot nunmehr gefeiert werden, seine eigene merkwürdige Religion offenbaren.