So erlebte es jedenfalls der Landschaftsarchitekt Kevin Smith, der in der Frozen Zone wohnt und arbeitet, die nach dem 11. September evakuiert wurde, eine Leichenhalle ganz eigentümlicher Art, voll menschlichen Sterbens und menschlicher Trümmer. Auf seiner Feuerleiter fand er einen abgerechneten Scheck aus einem der Twin Towers und Seiten aus verbrannten juristischen Fachbüchern. Smith ist kein gebürtiger New Yorker. Er wurde 1952 in Iowa geboren, wuchs auf einer Farm auf, verbrachte seine Kindheit draußen auf den Feldern, neugierig in der Landschaft umherstreifend. Er studierte Design in Harvard und zog 1986 nach Manhattan. Am Morgen des 11. September war er in der City Hall, von wo aus er den Aufprall des ersten Flugzeugs sah. Er kehrte in sein Büro zurück und war dort, als beide Türme einstürzten und sich eine riesengroße Staubwolke über die Stadt legte.

Er befand sich in einem schwarzen Nichts, bis sich der Staub legte.

Diese schrecklichen zehn Minuten darkness at noon konnte er jedoch in seinem eigenen Schaffen verarbeiten, in Eleven Tears, einer Installation für die Eingangshalle des Firmensitzes von American Express im World Financial Center, gleich neben Ground Zero. Eleven Tears den elf Angestellten von American Express gewidmet, die bei dem Anschlag den Tod fanden besteht aus einem 600 Pfund schweren, elfflächigen brasilianischen Quarz, der wie eine riesige Träne aussieht. Diese Träne hängt an elf Kabeln von einer zwölf Meter hohen Decke über einem Granitbassin, in dessen Ecken die Namen der elf Mitarbeiter eingemeißelt sind.

Das Spiegelbild des schweren Kristalls auf der dunklen Wasserfläche erinnert Kevin Smith an jenen Augenblick, als Lower Manhattan in einem schwarzen Loch zu versinken schien: Ein kristallener Kegel taucht aus der Tiefe auf, als wollte Smith uns allen noch einmal die erstaunliche Kraft New Yorks zeigen, sich selbst zu heilen, dem Grauen zu entsteigen.

Eleven Tears erinnert Smith auch an seine Kindheit in den Kornfeldern von Iowa. Himmel und Erde haben mich immer schon fasziniert. Ich wollte beides zusammenbringen, die Decke und den Fußboden, Himmel und Erde. Ich selbst hatte keine Kornfelder in meiner Kindheit. Ich hatte die Ebenen und Hügel der Bronx. Aber Kevin Smiths Erinnerung an den 11. September, verborgen in einer Lobby, die nur wenige Menschen betreten, berührt mich auf besondere Weise. Sie verweist darauf, dass der 11. September die New Yorker noch lange begleiten wird. Ich rede nicht von den ständigen Albträumen von Kindern in Brooklyn und der Bronx oder von dem Staub in den Lungen der Bewohner von Lower Manhattan. Ich rede von der Notwendigkeit, eine Sprache für unsere innersten Wünsche und Ängste zu finden. Eine solche Sprache hat Kevin Smith in diesem Kristallbrocken gefunden, der die kollektive Träne von Manhattan sein könnte. Er trauert mit uns und ermöglicht uns, unsere Trauer zu überwinden. Das ist die Methode und die Musik, die ich mit meinen Sätzen erreichen will, auch wenn ich nie Worte finden werde, die so stark und zuverlässig sind wie brasilianischer Quarz.

Aus dem Englischen von Matthias Fienbork

Jerome Charyn, 1937 als Sohn jüdischer Einwanderer in der New Yorker Bronx geboren, hat Romane (Abrechnung in Little Odessa, Der schwarze Schwan), Kinderbücher, Comics und Lieder für Georges Moustaki verfasst. Für die ZEIT schrieb er vor zwei Jahren über die großen Filme des New Hollywood, die in der Retrospektive der Berlinale liefen