Tel Aviv

Wenn Scharon A. vom Krieg erzählt, tut er das ruhig und nüchtern. Dass der 33-jährige israelische Reservist dabei innerlich kocht, wird erst langsam deutlich. In einer Nacht Anfang August war er einberufen worden. Seine Einheit kümmert sich um die Kommunikation zwischen den Truppenteilen. Sie sollte für eine Verbindung zwischen den Soldaten im Libanon und dem Armee-Hauptquartier in Rosh Pina sorgen. Ohne irgendein Training bekamen wir Waffe und Uniform in die Hand gedrückt.

Ein Bus brachte uns zu einer Einrichtung in der Nähe der Grenze. Man hatte uns einen sicheren Ort in Aussicht gestellt. Doch im winzigen Bunker, der die 20 Reservisten vor Raketenangriffen schützen sollte, war kein Platz mehr. Als Beschwerden kamen, entschied ein Befehlshaber am Telefon, die gesamte Militäranlage für die Neuankömmlinge zu sperren.

Sie blieben also draußen, unter den Bäumen auf einem Berg, neben den Kühen. Sie hörten, wie ringsum die Katjuschas von Hisbollah einschlugen. Die Sirene, die in den Dörfern die Bevölkerung alarmierte, war hier nicht zu hören. Einer der Soldaten wollte ein Radio kaufen, doch ein Vorgesetzter erklärte ihm, dass dafür keine Zeit sei. Wir bauten zwölf Stunden lang eine Antennen-Infrastruktur auf und fühlten uns wie beim russischen Roulett: Es kann uns jederzeit treffen. Sie dachten daran, dass in der Nähe, in Kfar Gilad, gerade erst acht Soldaten von einer Rakete getötet worden waren. Doch seine Einheit hatte Glück. Alle kehrten wieder nach Hause.

Es war Scharon A.s erster Krieg. Er will ihn wie einen schlechten Traum hinter sich lassen. Längst ist er wieder in sein normales Leben als Produktmanager in einer High-Tech-Firma zurückgekehrt. Mit dem Abstand sieht er die Fehler der Armee umso klarer: Es habe an Vorbereitung, an Koordination und am Kooperationswillen gefehlt.

Einige Leute hätten aus dem Verkehr gezogen werden müssen. Am schlimmsten für ihn aber sei die Erkenntnis, dass man uns belogen hatte. Über den Grund, warum der zuständige Offizier die Gefahr zunächst verschwiegen hatte, kann er nur spekulieren: Entweder dachte er, dies sei der einzige Weg, um uns an diesen Ort zu bringen. Oder er wusste nicht, was da wirklich ablief. Beides lässt ihn erschaudern.

Das ist nicht die Armee, die ich kenne.