Man braucht nicht zu glauben, Europäer seien von Natur aus unbelehrbar. Als der Nobelpreis für Literatur 1988 einem Namenlosen namens Nagib Mahfus zuerkannt wurde, stieß der Unmut darüber zumal im deutschen Feuilleton maliziös auf: Ein Ägypter, den keiner kannte, sollte Weltliteratur verfasst haben? Seither sind wir um einige bittere Lektionen und schöne Erfahrungen klüger geworden, und so selbstherrlich, wie es damals intellektueller Brauch war, wagt heute keiner mehr die eigene Unkenntnis zum Maß zu nehmen, um über die Welt zu urteilen. Die Nachrufe, die auf den am 30. August hochbetagt verstorbenen ägyptischen Schriftsteller in den europäischen Zeitungen erschienen, fielen denn nicht nur viel rühmender aus als die hochmütigen Kommentare von damals, sondern vor allem: sie waren kenntnisreicher, was diesen einen Erzähler, den Schöpfer des modernen arabischen Romans, betrifft und zugleich selbstkritischer, was das Bild anbelangt, das sich die euroamerikanische Zivilisation die längste Zeit von der Welt und ihrer Literatur gemacht hat.

1911 in Kairo geboren, ist Nagib Mahfus in seinem langen Leben nur zweimal ins Ausland gereist, und alles, was er geschrieben hat, ist mit Kairo, Ägypten verbunden. Doch gibt er ein überzeugendes Beispiel dafür, was Literatur vermag, wenn sie nicht auf eine falsche Universalität setzt, also nicht von vornherein auf globale Wirksamkeit bezogen ist, sondern den konkreten Ort, das Besondere, Spezifische im Auge behält. Die westlichen Leser, die Mahfus verspätet entdeckten, können in seinen Romanen eine ihnen fremde, unbekannte Welt entdecken, aber in dieser wundersamerweise auch sich selbst begegnen. Seine Werke haben sich in eine fast nicht mehr zu überschauende Vielgestalt ausgefächert, doch sind sie immer beides: literarische Auseinandersetzung mit Geschichte und Gegenwart Ägyptens und Gestaltung von Menschheitsfragen, die nicht für die arabische Kultur alleine Gültigkeit haben.

Das gilt für die in die vorislamische Pharaonenzeit zurückführenden historischen Romane, mit denen er in den dreißiger Jahren begonnen hat, gleichermaßen wie für seine Chroniken der Kairoer Gassen und Stadtviertel, mit denen er weltberühmt wurde, und für die psychologisch ausgefeilteren und im westlichen Verständnis erzähltechnisch anspruchsvolleren Romane, die er seit den sechziger Jahren schrieb.

Sein erstes Meisterwerk war 1947 Die Midaq-Gasse, eine bittere Liebesgeschichte, deren eigentlicher Held das Viertel ist, in dem sie spielt. Meine Liebe gilt den Bewohnern der Gassen, hat Mahfus einmal gesagt, und das traf nicht nur auf die Gammaliya in der Altstadt Kairos zu, sondern es meinte die Gassen der ganzen Welt. Der Gassenautor, der einige seiner besten Romane im dichten städtischen Gedränge mit seinen vielen randständigen Typen angesiedelt hat, war auf dieses Milieu freilich nicht beschränkt. In den historischen Romanen zeigt er Pharaonen und Priester, in den Erzählteppichen wie Die Nacht der Tausend Nächte, in denen er Motive der islamischen Mystik verwebt, tauchen gewitzte Scheichs auf, und die sarkastischen Gegenwartsromane wie Ehrenwerter Herr oder Der letzte Tag des Präsidenten werden von den Gewinnlern und den Opfern einer fehlgeschlagenen Modernisierung Ägyptens bevölkert.

Mahfus geriet nicht nur durch seine im liberalen Al-Ahram publizierten Kolumnen, sondern mehr noch durch die offene Form des Romans ins Visier der Fundamentalisten, die das Spiel mit verschiedenen Perspektiven als Ketzerei empfinden. In einem seiner späten Bücher, dem Echo meines Lebens, schrieb er, der der Todesbesessenheit stets die Liebe zum Leben entgegengehalten und diese übrigens gerade mit islamischen Traditionen begründet hat: Verflucht nicht die Welt, denn sie hat fast nichts mit dem zu tun, was hier geschieht.