Die Geschichte des Brüderpaars steht im Mittelpunkt. Auch wenn Ambivalenzen bis hin zum Todeswunsch spürbar werden, auf die Kainsgeschichte wird angespielt, geht es anders als in der Tradition der deutschen Literatur seit dem "Sturm und Drang", die die Tragödien verfeindeter Brüderpaare favorisiert, um eine Bruderliebe, die Komponenten homoerotischer Liebe enthält. Der Roman spielt in mehreren Welten. Im wilden Südwesten Irlands wachsen die beiden unter der Männlichkeitserziehung ihres der IRA angehörenden Vaters "Captain Daddy" auf, der von der Mutter verlassen wird. Pad fährt zur See, Liam betreibt auf den Klippen von Horse Island eine strapaziöse Viehzucht. Die riskante Klippenkletterei wird zum Vorspiel der Expedition zum fliegenden Berg.

Die erste Begegnung mit ihm ist einem atemberaubenden Foto zu verdanken, das Liam in den geodätischen Computerprogrammen einer auf Erdsatelliten und Lasertechnik gestützten Landvermessung entdeckt: eine zweite Welt, deren Lichtspiele immer wieder durch den Roman flackern. Alles Krachlederne, Hüttenmäßige und Alpinheroische, das sonst die antimodernistische Bergprosa prägt, wird so von vornherein vermieden. Allerdings: Vermessungsprogramme sind auch nur vermessene Programme, Berge nur virtuell versetzbar. Selbst fliegende Berge sind eine ganz andere, widerständige Realität.

Ihre eigenen, unverwechselbaren Konturen hat vor allem die Welt der tibetischen Nomaden. Das Denken in den Kategorien von Gipfelzielen und den Wegen dahin, das noch bei einem so klugen und kritischen Autor wie Reinhold Messner die "Expeditionen zum Endpunkt" antreibt, liegt ihnen fern. Für sie gibt es keine noch unerstiegenen Gipfel. Berge sind vielmehr wie der titelgebende, unerachtet aller Schwere "fliegende Berge", die sich zum Schutz der Täler, der Menschen, der Tiere für eine Zeit auf der Erde niedergelassen haben, aber immer schon von Göttern, Göttinnen und Dämonen bewohnt sind. Irgendwann einmal werden diese wieder davonfliegen: steingewordene Anti-Gravitation. Das sinnlich erfahrbare Bild von Bergen, die in der Tat über den Nebel- und Wolkenbänken fliegen, grundiert die mythologische Erzählung.

Von Nyema, der geliebten Tibeterin, knüpfen sich die Gebetsfahnen der Pässe und Gipfel bis zu den himmlischen Sinnbildern der Großen Göttin-Mutter Nyema, die mehr angerufen als bei ihrem Namen genannt wird. Hier gerät die Ästhetik des Romans ihrerseits in die Todeszone und in akute Absturzgefahr. Die Kitschgrenze liegt nahe, wird aber ebenso umschifft wie die Klippen der Esoterik und des Spiritualismus, denen man auf dieser Reise durch die Zeit begegnet – durch die Zeit, die war, und die Zeit, die wieder sein wird.

Aber Ransmayrs Fliegender Berg erinnert auch daran, dass gerade große Literatur öfters dort entsteht, wo die Kitschgrenze nur haarscharf vermieden wird. Im Übrigen ist der Realismus von "Scheißhimmelsgipfeln" und die Vergegenwärtigung einer "Bangigkeit", die die Bergsteigerliteratur sonst als "Angst" missversteht, präzise genug, um sowohl den Abgründen der Alpinliteratur wie den Untiefen unerbetener Erleuchtung zu entgehen. Selten hat man die tödliche Schönheit der schwarzen Himmel, der astronomisch durchbuchstabierten Sternbilder mit ihren kosmischen Katastrophen über den Windfahnen fliegender Berge so suggestiv wie im epischen Flattersatz dieses Romans gesehen. Für eine extreme Welt findet Ransmayr eine so noch nicht gehörte Sprache, seinen Sprachgesang: eine Ausnahmeerscheinung in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Es lohnt sich, den Roman zweimal und dann laut zu lesen. Wer sich nicht durch seine Form befremden lässt, legt ihn erst nach dem versöhnlichen Epilog wieder aus der Hand, um unverzüglich zum Anfang, zum Tod, der für den Erzähler keiner war, zurückzukehren.

"Ich starb
6840 Meter über dem Meeresspiegel
am vierten Mai im Jahr des Pferdes."