DIE ZEIT: Frau Bundeskanzler, was hat der 11. September auf der Welt bloßgelegt?

Angela Merkel: Das ganze Ausmaß der asymmetrischen Bedrohung durch Terrorismus. Wir haben vorher manches Warnzeichen verdrängt. Jetzt war es jedem klar.

ZEIT: Vielleicht wäre es ein roter Faden für unser Gespräch, wenn wir versuchen, Begriffe, die alle im Mund führen, wieder mit einem Inhalt zu füllen. Würden Sie sagen, dass wir infolge des 11. Septembers in einer Welt leben, die nicht nur von der Supermacht USA dominiert wird, also multipolar ist?

Merkel: Nach dem Zerfall der Sowjetunion fragte man: Gibt es jetzt mit den USA nur noch eine Supermacht? Ich glaube, diese Frage reflektiert die Situation auf der Welt nicht ausreichend. Es wäre im Übrigen auch falsch, wenn Multipolarität meinen würde, dass sich Europa gegen Amerika stellt oder wir uns gemeinsam gegen Asien. Ich glaube, dass sich die Europäische Union wirtschaftspolitisch und als verlässlicher sicherheitspolitischer Partner in der Welt zu einem Kraftzentrum entwickeln kann. Kein Staat ist heute mehr allein in der Lage, das breite Spektrum seiner globalen Herausforderungen zu bewältigen – vom Terrorismus, der Verbreitung der Massenvernichtungswaffen bis hin zum Klimawandel und zur Welthandelsordnung. Insofern ist die Welt multipolarer geworden.

ZEIT: Hat es der Westen in der Hand, ob er Zielscheibe des Hasses der Terroristen wird?

Merkel: Ich glaube, dass bestimmte kritische Einschätzungen des Westens, die oft auf Vorurteilen beruhen, in der arabischen Welt durchaus eine breite Basis haben, nicht aber der Terrorismus. Wir müssen uns außerdem davon verabschieden, dass es eindimensionale Strategien gibt, mit denen wir den Terrorismus zum Erliegen bringen können. Es gibt keine einfachen Rezepte.

ZEIT: Was dann?