Na so was. Sollte der große Barock-Poet schon vor 350 Jahren Hörbücher gekannt haben? Was lesen wir in der Überschrift zum 13. Kapitel des Zweiten Buches seines Romans Der Abenteuerliche Simplicissimus (1668): Hält allerlei Sachen in sich, wer sie wissen will, muß es nur selbst lesen oder sich lesen lassen.

Natürlich denkt der um 1622 in Gelnhausen als Sohn eines Bäckers und Gastwirts geborene Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen an seine des Lesens unkundige Mitbürger. Aber wieso sollte ein in Fantasien blühender Kopf, der in seinem Roman den Helden nicht nur in Paris in den Venusberg, sondern auch im schwarzwälderischen Mummelsee in eine Unterwelt von Sylphiden versenkt, der ihn im 17. Jahrhundert! bis nach Moskau schickt, nicht auch schon von Hörbüchern geträumt haben?

Schickt er ihn nicht, vor Robinson Crusoe, auf eine einsame Insel, um ihn sich selbst zu erziehen? Ein deutscher Robinson?

Bei ihm ist alles möglich. Er verkleidet sich, wo er kann. Es hat einige Forscherleben gebraucht, ehe man hinter der Maske von Anagrammen, German Schleifheim von Sulsfort, Samuel Greifnson Hirschfeld oder Melchior von Fuchsheim, den wahren Erzähler erkannte.

Wollte er seinen Namen verschleiern? Er wollte ihn, spielerisch, in der Perücken-, Halskrausen- und Mantel-Schleppen-Seligkeit des barocken Spiegel- und Verwirrzeitalters wohl eher offenbaren wofür wir im Telefonbuch-Zeitalter kein Verständnis mehr haben.

Das Buch hat es schwer in Deutschland: Bedeutendster deutscher Erzähler des 17. Jahrhunderts. Das klingt, (nur?) für junge Leute, abschreckend: Dass alle Leser heute mehr erfahren können über militärische Gewalt, über Folter hier könnten sie es lernen. Dem Vater des Erzählers streichen Soldaten woher sie kommen, ist im Dreißigjährigen Krieg so egal wie heute in Afghanistan, wie in Palästina, Salz auf die Fußsohlen. Die alte Ziege leckt sie ab, bis zum lachend-weinenden Wahnsinns-Tod des alten Spessartbauern.

Vergewaltigung, Brandstiftung: ob schwedisch-evangelische Räuber, ob habsburgisch-katholische - im Zweifel schieben sie immer die armen Leute in den Ofen.