Die Investitionswelle setzte die Slowakei mit Hilfe von Wirtschaftsreformen in Gang, die selbst im mittelosteuropäischen Vergleich ihresgleichen suchen. Die Einheitssteuer von 19 Prozent, kräftige Einschnitte bei den Sozialleistungen und umfangreiche Privatisierungen brachten dem Land den Ruf ein, das wirtschaftsliberale Musterbeispiel zu sein. Eine Bildungsreform dagegen gelang der Regierung bislang nicht. Die Zeit rennt uns davon, fürchtet Poliak. Es fehlten Ingenieure, Logistiker sowie Fachleute für Einkauf, Forschung- und Entwicklung, und auch im Personal- und Finanzwesen gebe es Engpässe.

Erst Ende der 1990er Jahre ging die Slowakei voll auf Reformkurs und musste gleichzeitig einen radikalen Strukturwandel bewältigen. Europas künftiger Autostandort Nummer eins war in Zeiten der früheren Tschechoslowakei der eher agrarisch geprägte Landesteil, mit ein wenig Schwerindustrie, Maschinenbau und Waffenproduktion vor allem im Westen. Als wir hier in den neunziger Jahren anfingen, mussten wir unsere Fachleute selbst ausbilden, erinnert sich VW-Mann Holeek.

Jetzt bedienen sich die anderen bei uns. Fachleute mit langer Erfahrung in der Autoindustrie haben Seltenheitswert und sind entsprechend begehrt: Wer bei VW seit Jahren schuftet, hat bei Kia oder Peugeot die beste Chance, gleich in höherer Position einzusteigen.

Weil gute Leute fehlen, ziehen die Investoren womöglich bald weiter

Und so sind allerorten Anstrengungen zu erkennen, dem Fachkräftemangel zu begegnen. Die Hersteller verstärken ihre Ausbildungsbemühungen und suchen Kontakt zu den technischen Hochschulen. Volkswagen experimentiert derzeit mit 40 polnischen Gastarbeitern - mentale und sprachliche Barrieren sind dabei allerdings nicht zu unterschätzen.

Außerdem schielen die Investoren nun auf die in Tschechien ebenfalls starke Autoindustrie. Viele Fachkräfte, die dort arbeiten und ausgebildet wurden, stammen aus der Slowakei und sollen nun zurückgelockt werden.

Unternehmensberater Poliak warnt, sein Land müsse nach den marktwirtschaftlichen Reformen schleunigst die Reform des Bildungssystems nachholen, damit bald geeignete Absolventen nachrücken. Mittelfristig nämlich könne die Slowakei ihren Ruf als Investorenparadies genauso schnell verlieren, wie sie ihn sich erarbeitet hat. Dann sagen wir in 15 bis 20 Jahren unseren Kindern, wir hatten hier mal drei Autohersteller. Aber danach kam niemand mehr. Denn heutzutage sind auch große Autofabriken nicht mehr für die Ewigkeit gebaut. Acht bis zehn Jahre lang hofften die Hersteller, von geringen Steuern und Lohnkosten zu profitieren, sagt Poliak. Und dann schauen sie, ob für die folgenden 10 bis 20 Jahre überhaupt noch etwas für die Slowakei spricht.