Am Abend für den großen Rubens erhob sich ein Sturm, der über dem Ruhrgebiet und speziell über der Kraftzentrale im Landschaftspark Duisburg-Nord niederging, sodass ein Rütteln unters Dach fuhr, wie ein Brausen des Zorns, und der Darsteller des Malers seinen deklamatorischen Aufgaben akustisch kaum nachkam. Wir, das verängstigte Publikum, sehnten uns nach Schutzhelmen, ungesunde Zugluft strich um unsere bangen Schultern. Was bahnte sich da an?

Drehte der im Text aufgerufene Gottvater am Windrad? Ging die berühmte Industrieruine entzwei? Oder hatten wir den Sturm nur geträumt?

Dass solche Fragen niemand beantwortete, gibt einen drastischen Eindruck vom Zustand der Ruhrtriennale. Keiner rief im Himmel an.

Keiner besorgte Mikrofone. Keiner ermahnte die Schauspieler: Sprecht lauter! Keiner trat vors Publikum im Saal und sagte: Der Lärm ist echt und gehört leider nicht zum Stück!

Dieses Stück mit dem wunderlichen Titel Rubens und die nichteuklidischen Weiber war leider viel schwächer als der Lärm, der sich über ihm erhob. Der Videokünstler Philipp Stölzl arrangierte einen geistreichelnden Text von Péter Esterházy zur Rubensschen Bildershow im Stil einer 3-D-Brillen-Attraktion: Wie bei einem Adventskalender öffneten sich über- und nebeneinander große und kleine Goldrahmen mit Samtvorhang, dahinter erschienen gemalte Stillleben mit echten Nackten, von denen keiner je eine Sonnenbank sah, aber bisweilen Stimme und Arm erhob.

Den metaphysischen Mehrwert sollen die alten Gemäuer erzeugen

Der Maler trat hier natürlich als Originalgenie auf, zwar soeben verstorben, doch dank Esterházys Erweckung unermüdlich lebendig und gefallsüchtig - Rubens aufbegehrender Sohn wurde gleich zu Beginn abgewatscht. Im zweiten Akt kam ein Mathematiker hinzu und führte uns den ebenso großen Euklid und das Wesen des Dreiecks vor, doch war die Geometrie, der auch Rubens nicht entkam, nur die Überhöhung eines banalen Wunsches: üppiges Menschenfleisch zu bewegen. Dazu erklangen barocke Weisen mit Musica Antiqua Köln und dem berühmten Tenor Philip Langridge, der allerdings für Musik des 17. Jahrhunderts so zuständig ist wie der liebe Gott für Sturmböen aus Nordnordost.