Eigentlich hat er uns verlassen. Vor so langer Zeit, dass wir uns an Gott kaum noch erinnern können. Und das ging lange Zeit in Ordnung.

Die Frage, ob jenseits der unendlichen Räume ein großes Schweigen oder das Wort Gottes auf uns wartet, hat niemanden mehr um seinen Nachtschlaf gebracht. Ob Gott tot, unsichtbar oder in jedem Grashalm, jeder Bach-Kantate verborgen sei, ist eine Geschmacksentscheidung, gleich der, ob man lieber an die Ost- oder an die Nordsee in den Urlaub fährt Meinungen eines mündigen Konsumenten. Von dem Ruf Gott ist tot, der einst so emphatisch klang, als habe Nietzsche den Verstorbenen gerade noch gesprochen, ist nicht mal ein Schulterzucken übrig. Literarisch jedenfalls.

Literarisch haben wir anderes zu tun. Und außerliterarisch sowieso. Es geht uns gut, besser als irgendjemand sonst auf Erden. Wir wissen zwar nicht so genau, wer diesen ganzen Luxus einmal übernehmen soll und wozu er grundsätzlich gut ist, aber wir haben ihn. Tischstaubsauger, Vierradantrieb, mehrere hundert Möglichkeiten, das splissanfällige Haar zu säubern. Alles, was der Leib begehrt, und eine solide, rundumversorgte Herzensträgheit kostenlos dazu.

Doch plötzlich soll das nicht mehr reichen. Das bisschen Überfluss und abends noch ein Bier. Wie halten die das aus?, fragt der Schriftsteller Andreas Maier in seinen jüngst erschienenen Frankfurter Poetikvorlesungen Ich und meint mit die zweifellos uns und unser gottungefälliges Leben als unfroh pickendes Hühnchen im Warenkorb. Und beschreibt sich als einen Menschen auf der Suche nach Worten, die alle schon gefunden sind, die im Matthäusevangelium schon alle dastehen. Und findet sich in dieser literarischen Hinwendung zu Gott in Gesellschaft. Auch Wolfram Weimer, der Herausgeber des Magazins Cicero, eines Blattes, das sich gerne besorgt zeigt ob des Niedergangs des Ablativus absolutus und der Hausfrauenehe, annonciert gerade in seiner Streitschrift Credo das Comeback der Religion. Und hat noch mehr frohe Kunde: Gott wird uns helfen. Wenn schon nicht mit dem sofortigen und umfassenden Comeback der Hausfrauenehe, dann doch mit einer Literatur, die Schluss macht mit den Selbstfindungsromanen zeitgenössischer Schriftsteller und setzt auf die Legenden, Dramen, Mythen, Heilsgeschichten unserer Kultur. Ja, wenn solches sich zutrüge, wäre das sicher eine piekfeine Sache.

Weil wir aber nicht wissen, ob Gott sich so einfach aus seinen unendlichen Räumen zurückbeordern lässt und der Literatur aus der Patsche hilft, behelfen wir uns in Erwartung des Erlösers mit einem kleinen Heils-gedicht. Es ist von Anno Frank Leven und handelt von zwei älteren Brüdern, die beten in einer Küche den Rosenkranz mit fast geschlossenen Augen. Und nach dem Gebet kommt Gott / manchmal kurz herein. / Dann lächelt er / und gibt jedem von ihnen / einen Bonbon.