Das ist auch eine Art, des 11. Septembers zu gedenken: mit einem Gegenjubiläum, einem Gegenentwurf zum Kampf der Kulturen. Im Herbst 1986 hatte Johannes Paul II. in Assisi Religionsführer aller Couleur, Christen und Nichtchristen, zu einem Weltgebetstag für den Frieden versammelt, in einer der spektakulärsten symbolischen Aktionen seines Pontifikats. Die katholische Laiengemeinschaft SantEgidio, die den Religionsdialog Jahr für Jahr fortgeführt hat, ist zur Feier von 20 Jahren Assisi nach Assisi selbst, in die Stadt des Heiligen Franziskus, zurückgekehrt.

Man sieht die violetten Käppis katholischer Bischöfe, die Turbane muslimischer Geistlicher, Rabbiner mit steifem Hut, die geschorenen Köpfe buddhistischer Mönche. In der Lobby des Grand Hotel Assisi schwirrt es wie auf einer interreligiösen UN-Konferenz. Anderthalb Tage Podiumsdiskussionen, dann eine Gebetszeit, getrennt nach Glaubensgemeinschaften, am Ende Prozession und Versammlung auf dem Platz vor der Franziskus-Basilika. Friedens-Open-Air an einem lauen umbrischen Spätsommerabend.

Als Johannes Paul II. 1986 sein Assisi abhielt, herrschten noch Kalter Krieg und Atomwaffenangst. Die Religionen, die der Papst zum Friedensgebet einlud, spielten eine eher marginale Rolle. Heute, seit der Zuspitzung des Konflikts mit dem radikalen Islam, stehen sie im Zentrum. Der interreligiöse Dialog ist politisch brisant geworden und zugleich gilt er schon wieder als überholt, gutmenschenhaft, als gefährliche Naivität im Angesicht kriegerischer und terroristischer Bedrohungen, wie Andrea Riccardi, der Gründer von SantEgidio, in Assisi selbst die Kritik zusammenfasste. Die SantEgidio-Leute sind aber keine blauäugigen Idealisten, sondern ausgebuffte Techniker und Strategen der internationalen Nächstenliebe - gerade hatten sie bei der Vermittlung eines Waffenstillstands zwischen Regierung und Rebellen in Uganda die Hand im Spiel.

Es gab dennoch Momente in Assisi, wo der Verdacht auf fromme Problemverschleierung sich aufdrängte. Als der israelische Chef-Rabbiner Yona Metzger in einem hebräischen Statement einen Satz Johannes Pauls II. auf Italienisch zitierte, in dramatischer Betonung: Der Terrorismus ist der große Feind des Friedens da spendete das Publikum, wie demonstrativ, keinen Beifall. Metzger verurteilte die dänischen Mohammed-Karikaturen und verlangte von muslimischen Führern das Gleiche für die Holocaust-Leugnung. Der Rektor der Kairoer Al-Azhar-Universität hatte dagegen auf demselben Podium nur höchst allgemein und ohne Anflug von Selbstkritik über den Islam als Religion des Friedens gesprochen. Die ritualisierte, phrasenhafte Versöhnlichkeit ist eine Gefahr. Aber Assisi ist auch die Geschichte des algerischen Islamgelehrten, der 1986 ein frisch gebackener Absolvent der Universität Mekka und voller Scheu vor Andersgläubigen war und jetzt, interreligiös angefreundet, neben einem syrisch-orthodoxen Metropoliten über das Erbe Johannes Pauls II.

meditiert. Assisi ist, dass muslimische Repräsentanten erst nicht mit Vertretern des Judentums auf einem Podium sitzen wollten inzwischen tun sie es. Wo dieser Respekt nicht gewährleistet ist, da gehen die SantEgidio-Leute nicht hin, wie nach Damaskus, wo der syrische Präsident nur zu gern Gastgeber für ein Religionstreffen gespielt hätte.

Die Weltlage, vom Kalten Krieg zum clash of civilizations, ist das eine, was sich seit 1986 geändert hat. Das andere ist der Papst.

Joseph Ratzinger, damals Präfekt der Glaubenskongregation, verantwortlich für die Reinheit der katholischen Lehre, soll von dem Assisi-Event Johannes Pauls II. seinerzeit nicht begeistert gewesen sein. Ihn muss die Gefahr eines Glaubensmischmaschs geschreckt haben, einer konturlosen pazifistischen Universalfrömmigkeit. Gleich in seinen ersten Amtsmonaten als Papst hat er klargemacht, dass der Religionsdialog für ihn mehr eine Art Weltkulturpolitik als eine echte theologische Herausforderung sei.