Dresden

Bisweilen findet die Rechtsprechung noch zu schlichten Sätzen in der Urteilsbegründung. Ein Kunstwerk ist kein Stück Käse, das man kauft und dann essen kann, sprach kürzlich ein sächsischer Richter. Nun liegt der künstlerische Wert eines Werkes zweifellos im Auge des Betrachters. Eine Glocke aber, von der es nach der ersten Klangprobe heißt, sie sei nicht zufriedenstellend, hat zumindest ihren ursprünglichen Zweck klar verfehlt.

Besagte Einschätzung stammt von Musikexperten der Dresdner Stiftung Frauenkirche und betrifft eine in Auftragsarbeit gefertigte Glocke für das wiedererrichtete Gotteshaus. Der ortsansässige Hotelier Rudolf Kimmerle kam deshalb zu der Überzeugung, bei der Trauglocke Josua handele es sich im Prinzip nur noch um 645 Kilogramm Metall. Er erwarb den Fehlguss für 20000 Euro und stellte ihn im Garten seines Hotels auf. Dort durften interessierte Gäste und Einwohner, deren laienhaften Ohren die Nuancen der Fehlklänge wohl verschlossen blieben, nach Herzenslust läuten. Herr Kimmerle tat das nach eigenen Worten, um vor allem älteren Dresdnern eine Freude zu machen. Gleichwohl, gibt sein Geschäftsführer zu, habe man auch an der momentanen Frauenkirchenbegeisterung der Deutschen partizipiert.

An dieser Stelle kommt Christoph Feuerstein ins Spiel. Von ihm stammen die aus biblischen Motiven bestehenden äußeren Verzierungen auf der Glocke Josua, und mancher Klangexperte vertritt die Ansicht, dass gerade die Opulenz dieser Verzierungen verantwortlich sei für den schlecht getroffenen Ton. Schon derart in seiner Künstlerehre gekränkt, wollte Feuerstein die profane Nutzung seiner Arbeit zur Gaudi der Hotelgäste nicht hinnehmen oder wenigstens davon profitieren und klagte auf Verletzung seiner Urheberrechte. Das Landgericht Leipzig gab dem Künstler Recht. Nun muss der Hotelier Feuerstein Schadenersatz zahlen (über die Höhe streiten noch die Anwälte) und darf auch nicht mehr mit Josua werben. Seit vergangener Woche liegt die Glocke im Keller des Hotels.