Gerade stand ich noch im Stau zwischen Santa Monica und dem Hafen in Long Beach. Jetzt flattert mein Haar im Fahrtwind der Fähre, die nach Catalina übersetzt. Häuser, Pflaster, Menschengewusel – Los Angeles bleibt am anderen Ufer zurück. Ein gelblich grauer Streifen Smog hängt über den kleiner werdenden Häuserketten des Festlandes. Vor dem Schiffsbug zeichnen sich die bergigen Umrisse von Santa Catalina ab. 

Die Insel – nur eine gute Stunde vom Festland entfernt – birgt die halbe Welt: Tahiti, Neuengland, den Wilden Westen, Nordafrika, das antike Rom. Selbst das versunkene Atlantis findet sich hier. Die Matrosen der Bounty meuterten eigentlich im Pazifik, doch ihr Aufstand wurde am Isthmus von Two Harbors nachgestellt, dem abgelegenen Fischerdorf im Nordwesten der Insel. Hier kam Jack Nicholson dem Komplott von Chinatown auf die Spur, hier landete der Aviator, explodierte das Raumschiff Apollo 13, peitschte Ben Hur um sein Leben. Die männermordende Panterfrau umschlich den Dracula-Darsteller Bela Lugosi am Strand. John Wayne trabte in den weiten, unberührten Steppen zwischen den Inselhügeln umher, die den Prärien des Wilden Westens ähneln. Über 225 Filme wurden auf Santa Catalina gedreht. Und ich will sehen, ob die Bilder der Traumfabrik der Wirklichkeit standhalten.

Delfine soll es geben, manchmal Wale. Und auch der Weiße Hai wurde vor Catalina geboren. Ich spähe vergebens, keine Rückenflosse lässt sich blicken, und doch ist die Existenz eines Killerfisches in so viel Wassermasse vorstellbar. Im Film war es natürlich eine Konstruktion aus Draht und Plastik, Bruce nannte der damals 27 Jahre alte Steven Spielberg das Gestell. Nahezu während der gesamten Drehzeit streikte der mechanische Hai. Stattdessen tobte die Natur. In der stürmischen See sank ein Boot, drei Schauspieler wären fast ertrunken.

Orson Welles angelte, Oliver Hardy schwang den Golfschläger

Heute ist der Ozean glatt, das Wasser im Hafenbecken von Avalon kristallklar. Bereits von der Gangway aus bewundere ich den orange Garibaldi am Grund, Kaliforniens Nationalfisch. Catalina ist als einer der besten Tauchplätze weltweit bekannt. Am Ende des Piers treten sich die Froschmänner gegenseitig auf die Flossen, sie drängeln sich an der Leiter zum Unterwasserpark mit den Algenwäldern und Schiffwracks.

Capri fällt mir ein. Das türkisfarbene Wasser, die Palmenspaliere der Promenade, die Häuser an den Hängen des Canyons. Nur mondän und blasiert ist das Hauptstädtchen Avalon nicht, sondern artig und unaufgeregt. Weiße Holzlatten gehörten auf die Inselflagge – als Symbol für das Aufgeräumte, die altmodische Bretterarchitektur, für die Enge der Vorgärten. Pastellfarben sind die Cottages, auf deren Terrassen gerade mal ein Bistrotisch passt. Über die Gassen surren Golfwagen, Pkw haben Seltenheitswert. Catalina ist wohl der einzige Ort in den USA, an dem die Einwohner ähnlich lange auf ein Auto warten müssen wie einst die Bürger der DDR. Auf rund 4000 Einwohner werden maximal 600 Autos zugelassen. Erst nach dem Tod eines Wagenbesitzers rückt ein neuer Fahrer nach. Zehn Jahre lang ist die Wartezeit laut offiziellen Angaben, mein Stadtführer Chuck Liddell hält 15 bis 25 Jahre für wahrscheinlicher. Er muss es wissen, vor 58 Jahren wurde er hier geboren, wo heute die Hälfte der Einwohner aus Mexiko stammt.

Chuck war früher auf dem Festland Professor für Kommunikationswissenschaften, vor einigen Jahren kehrte er zurück. Als Radio- und Fernsehmoderator, Fremdenführer und Agent für Zauberer, Musiker und Komödianten arbeitet er wie alle Einheimischen in drei bis vier Jobs gleichzeitig. »Das Leben auf Catalina ist teuer, doch es lohnt sich.« Freundlich ist der Inselton: Niemand spricht lieblos von »Touristen«, alles dreht sich um die »Besucher« – Fremde werden auch gern »honey« oder »love« genannt.

Wir schlendern durch den Ort, ab und zu bleibt Chuck stehen und deutet auf ein Haus. Eins ist aus den Oberdecks zweier ehemaliger Raddampfer zusammengesetzt. Und in dem hässlichen hellblauen Gebäude soll Marilyn Monroe abgestiegen sein. Sie kam, bevor die Insel zur Kulisse für Hollywood wurde. Als Norma Jean besuchte sie ihren ersten Ehemann, der hier seine militärische Grundausbildung erhielt. Ein Stück weiter, im Inselmuseum, sind Fotos von Orson Welles und Dolores Del Rio beim Angeln zu sehen, halbwegs geschickt schwingt Oliver Hardy den Golfschläger – Reminiszenzen an die Goldenen Zwanziger und Dreißiger, die Glanzzeit von Santa Catalina, als im oberen Stockwerk des Kasinos Tausende Tänzer gleichzeitig ihre Kreise zogen. Der riesige Art-déco-Ballroom bot Platz für 3000 Paare. William Wrigley jr., der Erbe eines Kaugummivermögens und von 1919 an im Besitz von Santa Catalina, ließ das Gebäude errichten. Heute sind hier das Inselmuseum und nach wie vor das weltweit erste Kino für Tonfilme untergebracht.