Mich interessiert dagegen viel mehr, wo später Rosemarys Baby gezeugt wurde, wo Kevin Costners Waterworld entstand oder die Schlachten des Zweiten Weltkriegs aus dem Film The Thin Red Line tobten. Chuck deutet wortlos und vage auf die Kuppen der Berge rund um Avalon. Er rät mir zu einem kostenlosen Wanderpass, der mich berechtigt, in das Naturschutzgebiet jenseits der Stadtgrenzen einzudringen. Auch Mountain-Biking ist möglich, die dafür benötigte Genehmigung kostet allerdings 50 Dollar.

Santa Catalina ist jetzt im Besitz der Island Conservancy, die Philipp Wrigley mit gegründet hat. Im Büro der Naturschutzstiftung erfahre ich, dass es heute zu spät zum Wandern ist und der Pass nur am Tag des Aufbruchs ausgestellt wird. Ich stöhne über so viel Bürokratie in der Wildnis. Erst am nächsten Tag erhalte ich die Erlaubnis, die mich verpflichtet, immer auf der vorgezeichneten Route zu bleiben. Die Vorschrift dient nicht nur dem Schutz der Natur. "Vorsicht vor Klapperschlangen! Achten Sie auf Ihre Kinder." Laut und vernehmlich stampfe ich durch den Schilfgürtel hinter dem Campingplatz. Ein Schlangenbiss muss nicht sein, bevor ich die für Joan Crawford errichteten griechischen Ruinen gesehen habe. Dafür ein Schluck aus der Wasserflasche gegen den Durst. Dem Wüstenklima verdankt das Innere von Catalina seine karge Vegetation: Steppe, strohiges Gras, niedrige Büsche – ähnlich wie die mediterrane Macchie. So sah vor der Besiedlung ganz Südkalifornien aus.

Die Bisons sind die Nachfahren von ehemaligen Komparsen

Eine einzige Schotterpiste führt von Avalon über 30 Kilometer zum anderen Ende der Insel. Auf halbem Weg zum Gipfel stehe ich plötzlich drei Bisons gegenüber. Unwirklich groß und zottelig, grasen sie unbeeindruckt weiter, während ich mich bis auf fünf Meter heranpirsche. Diese Tiere sind angeblich die Nachfahren von ehemaligen Komparsen, die 1924 für die Verfilmung des Western-Romans The Vanishing American per Schiff herbeigeschafft wurden. Seitdem haben sie sich so ungestört vermehrt, dass man im vergangenen Jahr wieder 100 Bisons in ein Indianerreservat auf dem Festland ausfliegen ließ. Zane Grey, einer der bedeutendsten Western-Romanciers, blieb der Insel auch nach den Dreharbeiten treu. Sein Haus, das heute ein schönes Hotel im Pueblo-Stil beherbergt, besitzt den ältesten Swimmingpool weit und breit.

Ich wähle den Gang ins offene Meer, in die Bucht Lover’s Cove direkt neben dem Hafen. Mit Neoprenanzug und Schnorchel wate ich ins Wasser – bis zu den Schenkeln, das reicht schon. Maske auf, bücken und nicht erschrecken! Ein Schwarm von Fischen glotzt mich an. Dunkle Opaleyes und grelle Garibaldis – fast alle größer als mein Kopf. Wirklich gefährlich allerdings sind nur die vorbeituckernden Glasbodenboote. Fast wäre ich mit einem kollidiert. Zu schön, zu still und faszinierend ist’s da unten. Algen wachsen wie Tannen vom Meeresgrund herauf, Kormorane stoßen ihre Schnäbel in die Tiefe, Dutzende von Garibaldis stupsen mich. Doch nach ein paar Metern Kraulen ist Schluss mit niedlich, steil fällt der Meeresboden ab. Angeblich schwimmen hier nur "liebe Haie". Doch mein innerer Plattenspieler spielt sofort den Soundtrack von John Williams aus dem Weißen Hai. Einsam schwebend unter Wasser, schlägt meine Fantasie Purzelbäume, trommelt das Blut. Schnell zurück ans Ufer und von Harmloserem träumen.

Wenn ein Star Pate für Avalon stehen sollte, würde ich für Doris Day plädieren. In der aufgeräumten Inselhauptstadt drehte die Sauberfrau von Hollywood ihren heiter-beschwingten Streifen The Glass Bottom Boat (Spion in Spitzenhöschen). Sicher und trockenen Fußes bestaunen in diesem für die Insel typischen Gefährt die meisten Touristen hier die Unterwasserwelt. Es geht aber auch abenteuerlicher – und zwar nicht nur im einsamen Hinterland mit Adlern und Western-Bison. Das Gespenst des Weißen Hais bleibt quicklebendig. Da musste Spielberg nicht viel inszenieren, das Meer um Catalina ist spektakulär. Die nächste Klappe fällt bestimmt.

INFORMATION

Anreise: Zum Beispiel von Long Beach (Los Angeles County) mit dem Katamaran nach Santa Catalina, Fahrtdauer 1 Stunde 15 Minuten, Hin- und Rückfahrt 52 Dollar