Während sich die Jüngeren (oder Unerfahreneren) unter meinen Lesern mit dem Sommerseminar beschäftigten, das Zwiebelschneiden lernten, das Ausnehmen eines Tintenfischs und das Backen eines Mahlberger Schlosskuchens, stellte der Rest der Leserschaft sich (und mir) ganz andere Fragen zum Thema Genuss und Lebensart. Meine Antworten auf ein paar der drängendsten Fragen will ich Ihnen nicht vorenthalten:

Nicht in jedem Hotel gibt es Eier im Glas zum Frühstück. Aber wenn es sie gibt, steht auf der Karte immer "2 Eier im Glas". Warum ist das so?

Weil 1 Ei nicht im Glas, sondern im dafür vorgesehenen Eierbecher serviert wird, während 3 Eier zum Frühstück für die meisten Menschen zu viel sind. Allenfalls als Rührei verdrücken manche Sportsfreunde drei in der Pfanne verrührte Eier. Das habe ich jedenfalls in Frühstücksräumen großzügiger Hotels beobachtet, wo enorme Mengen Rührei auf dem Frühstücksbuffet warm gehalten werden. Dass man die nicht in Gläser abfüllen kann oder sein Frühstück nicht mit in Gläsern abgefüllten Rühreiern anreichern möchte, sollte unter Genießern selbstverständlich sein.

Unlängst war ich auf Städtetrip in Paris. Dort entdeckte ich in einer Konditorei die berühmten Madeleines. Ich kenne sie aus den Feuilletons unserer Zeitung, wo immer wieder der Dichter Proust zitiert wird, der die Madeleines in seinen Tee tunkte, worauf ihm ganz anders wurde: Es kam ihm die Erinnerung an seine Kindheit hoch sowie an den Duft irgendwelcher Rosenhecken und das Parfüm seiner Freundinnen.
Ich hatte also einen gehörigen Respekt vor diesem Gebäck. Ich kaufte 300 Gramm und nahm sie mit nach Hause, ich wohne in Wien. Nun muss ich gestehen, dass diese Madeleines nicht besser schmeckten als der Butterkuchen von Bäcker Barnstorff und keinerlei Erinnerungen an Parfüms oder Rosenhecken weckten. Ich habe sie in Tee getunkt und in Kaffee mit und ohne Milch. Sie waren gleichmäßig schwach an Aromen und erinnerten mich bestenfalls an den Anblick von Notre-Dame, wo unser Bus parkte und wir in den umliegenden Cafés ganz abscheulich übers Ohr gehauen wurden.


Ihre hoch interessante Frage lenkt meinen Blick auf zwei Phänomene. Da ist einmal die Welt der Globalisierung, die Sie so treffend beschreiben, zu der auch die der berühmten Torten und Gebäckstücke gehören. Als Wienerin werden Sie wissen, was mit der Sachertorte, den Mozartkugeln und den original Buchteln geschah. Warum sollte es den Madeleines des Monsieur Proust anders ergehen?

Was nun dessen häufige Erwähnung im Feuilleton Ihrer Tageszeitung angeht, so scheint es sich dabei um eine bemerkenswerte Anomalie zu handeln. Denn Wiener Feuilletons berufen sich fast ausschließlich auf Torberg, Kraus und Qualtinger. Woran sich – entschuldigen Sie! – meine zweite Frage anschließt: Wohnen Sie wirklich in Wien? Ihre Erwähnung des Bäckers Barnstorff und seines Butterkuchens lässt mich vermuten, das Sie eher im niedersächsischen Teufelsmoor beheimatet sind.

Warum heißt Schwarzbrot Graubrot, wo Graubrot in Wirklichkeit doch fast immer Weißbrot ist?

Sie haben vergessen, den Pumpernickel zu erwähnen, der Ihre Frage endgültig dem Surrealismus zuordnen würde. Aber im Ernst: Wenn sich Graubrot fast nicht von Weißbrot unterscheiden lässt, liegt das zweifellos daran, dass den Konsumenten das Gefühl für Zwischentöne abhanden gekommen ist, wohingegen den Bäckern vom Zwischenhändler die backfertigen Mehlmischungen fast immer unter der Bezeichnung Graubrot verkauft werden. Beim Konsumenten – vor allem, wenn der die Empfehlungen der Diätapostel ernst nimmt – hat sich der Glaube festgesetzt, dass weißes Mehl auch weißes Brot ergibt und alles, was weiß ist, die Potenz schwächt. Die Konsumentin hingegen fürchtet, von weißem Brot dick zu werden. So kam das Weiße in Verruf und Graubrot in die Hitparaden. Dass es sich um die gleiche Art von Brot handelt, fiel niemandem auf, weil sich alle darüber wunderten, wieso es kein Schwarzbrot gab, und wenn es das gab, wieso es aussah und schmeckte wie Graubrot, das eigentlich ein Weißbrot ist.

Wir Deutsche sind für unseren Reichtum an Brot bekannt und haben immer tief nachgedacht.

Wie kann ich sicher sein, dass der Fisch, den ich kaufen will, ein wild aufgewachsener Fisch, also kein Zuchtfisch ist?

Sie können sicher sein, dass fast jeder Fisch, den Sie bezahlen können, aus einer Fischzucht stammt. Und wenn Sie heute noch einen "wilden" Kabeljau kaufen und bezahlen können, so wird es damit in wenigen Jahren vorbei sein. Denn ausnahmslos alle Fische werden in zu großen Mengen gefischt und dadurch ausgerottet. Die industrialisierte Fischerei, die dafür verantwortlich ist und daran verdient, wird sich morgen der Fischzucht widmen und es auch dort weit bringen. Wir, die Konsumenten, dürfen immer nur das essen, was man uns vorsetzt. Dieser Trend wird sich verstärken und zu einer Sorten- und Geschmacksdiktatur führen.