Sein Vater hieß "der Tolle", sein Erbonkel "der Verruchte", beide lebten nicht lange genug, damit er sie kennen lernen konnte. So reihten sie sich als Figuren schauriger Geschichten bei seinen sagenumwobenen Ahnen ein. Die schlichte Mutter traktierte das körperlich leicht behinderte Kind mit emotionalen Wechselbädern und schmerzhaften Therapien, eine Kinderfrau mit Bibelsprüchen, Prügeln und sexuellen Spielen. Er lebte schnell und zog mit Anfang zwanzig das Fazit seiner Existenz: "Mit 23 ist das Beste im Leben vorbei und seine Bitterkeit verdoppelt. Ich habe die Menschheit in verschiedenen Ländern kennen gelernt und finde sie überall gleich verachtenswert. Ich bin krank im Herzen. Mich reizt fortan keine Frau, kein Knabe mehr, auch kein leichtgläubiges Hoffen auf Gegenliebe; ich mag auch nicht mehr um die Wette trinken. Ich werde selbstsüchtig und misanthropisch. Ich habe alle meine Begierden und die meisten meiner Eitelkeiten überlebt." Es sei – wieder einmal – Zeit für einen Wandel.

Nicht lange zuvor hatte er sich von einem hübschen, unbeholfenen, Nägel kauenden, übergewichtigen Knaben zu einem ästhetisch schlanken, interessant bleichen jungen Mann von Welt gehungert und geturnt. An den Stätten akademischer Bildung war er ein Star, weniger durch intellektuellen Ehrgeiz als durch prügelndes Draufgängertum, alkoholische und erotische Exzesse und standesgemäßen Hochmut gegenüber Respektspersonen. Da Hunde verboten waren, hielt er sich einen zahmen Bären, der sich "habilitieren" sollte. Finanziell ruiniert war er schon, als er endlich sein Erbe antreten konnte. Für die Ausgestaltung seines Stammsitzes verschuldete er sich weiter. "Schön polierte Schädel" aus der Gruft standen auf Blumensäulen, einen anderen ließ er in Silber fassen, um mit seinen Kumpanen Burgunder daraus zu schlürfen. Schulden und Unrast trieben ihn jedoch bald in die Ferne. Zurückgekehrt, wurde er über Nacht berühmt, doch nur für "das Produkt von Mußestunden", auf das er nicht viel gab, sah er sich doch als Mann der Tat.

Aber aus der angestrebten politischen Karriere wurde nichts, seine hochfliegenden radikalen Vorstellungen hatten mit Realpolitik nichts gemein. Verbittert tat er alles, um seinem Selbstbild als "hinkender Teufel" gerecht zu werden, der dem Bösen von Geburt an gehört. Den Ausweg aus finanziellen Schwierigkeiten und einen Anschein von Respektabilität sollte eine Ehe bringen: "Ich habe am selben Tag eine Frau und eine Erkältung abbekommen, bin jedoch die Letztere ziemlich schnell wieder losgeworden." Aber bevor das "tugendhafte Ungeheuer" ihn ganz um den Verstand bringen konnte, verließ es ihn mit der neugeborenen Tochter kaum ein Jahr später. Vor der Gesellschaft, die ihn fallen ließ und ihm zu Recht Inzest, Verführung von Knaben, Exzesse aller Art nachsagte, floh er und stürzte sich in sein eigentliches Werk: ein Abenteurerleben im Ausland. Mit dreißig zeigte ihn sein Spiegelbild alt, aufgedunsen und verlebt.

Das Angebot, eine aktive Rolle in einem Freiheitskampf zu übernehmen, den er zuvor besungen hatte, bot ihm noch einmal die Möglichkeit zu ruhmreichen Taten, dazu aber kam es nicht mehr. "Ich bin hierher gekommen, um zu sterben", verkündete er, bevor ihn das Fieber dahinraffte.

Wer war’s?

Wolfgang Müller

Auflösung aus Nr. 36:
Mata Hari (1876 – 1917) war die berühmteste Tänzerin der Belle Epoque. Nach der Trennung von dem Kolonialoffizier MacLeod kam sie nach Paris, gab sich als Tochter einer Tempeltänzerin und eines Brahmanen aus und avancierte mit fernöstlich inspirierten, erotischen Tänzen seit 1905 zum umjubelten Star. Mit Beginn des 1. Weltkriegs geriet sie ins Visier des französischen Geheimdienstes und wurde 1917 als angebliche Spionin von einem Exekutivkommando erschossen